Der Tod und die Babyboomer : Prince war einer von uns

Prince, Roger Willemsen, David Bowie: Deren Tod schockt vor allem die 50- bis 60-Jährigen. Ihnen wird das nahende Ende ihrer Epoche signalisiert. Ein Kommentar.

Arno Makowsky
Trauernde Prince-Fans vor seinem Anwesen Paisley Park in Chanhassen, Minnesota.
Trauernde Prince-Fans vor seinem Anwesen Paisley Park in Chanhassen, Minnesota.Foto: Reuters

Wahrscheinlich werden wir uns daran gewöhnen müssen. Weil es immer öfter passieren wird. Unser Handy auf dem Küchentisch macht „pling“, und auf dem Display erscheint eine Push-Nachricht, auf die wir so reagieren: Oh nee, bitte nicht. Nicht schon wieder. Und dann: War er nicht einer – von uns?

Warum sind viele Menschen so geschockt vom Tod des Popstars Prince? Warum haben Deutsche und Briten, Franzosen und Amerikaner geradezu fassungslos auf die Todesnachricht von David Bowie reagiert? Warum geht vielen von uns so nahe, dass die Fußball-Legende Johan Cruyff oder ein bekanntes Fernsehgesicht wie Roger Willemsen nicht mehr leben? Die Meldung vom Tod Guido Westerwelles hat Menschen entsetzt, die diesen Politiker zu Lebzeiten eigentlich nicht leiden konnten. Warum dieser Grad an Betroffenheit?

Die vordergründige Antwort lautet: Es sind so viele Prominente, die in den ersten Monaten dieses Jahres gestorben sind. Beeindruckende Persönlichkeiten sind darunter, große Künstler, sicher. Doch die Wahrheit dahinter liegt tiefer: Die vielen Toten des Jahres 2016 sind die Helden der Babyboomergeneration – die Angehörigen jener Jahrgänge, die heute zwischen 50 und 60 Jahre alt sind.

Schlimm genug, dass plötzlich Leute tot sind, die wir immer als Ausbund von Lebendigkeit und exaltiertem Lebensstil bewundert haben. Vor allem ist der Tod der Idole wohl eine Art Vorbote der unangenehmen Wahrheit, dass die älteren Babyboomer, wenn’s gut läuft, vielleicht nicht gleich sterben, aber doch langsam in die Restlaufzeit einbiegen.

Babyboomer – das klingt schon so nett, so immerwährend jung

Dabei ist es ja eigentlich ein gutes Gefühl, dieser Generation anzugehören. Babyboomer – das klingt schon so nett, so immerwährend jung, so optimistisch. Und so war auch das Lebensgefühl zwischen Bonanzarad, autofreiem Sonntag und fröhlichem Protest in der Friedensbewegung. Die endlosen Nazigespräche mit den Vätern, den Kampf gegen die Spießigkeit hatten schon die Achtundsechziger geführt. Für uns wurde der Stil zunehmend wichtiger als die Botschaft. Indienkleider und Hennahaare verschwanden, wir trugen Parka oder schmale Anzüge. Die Coolen hörten „Cure“ und „The Smiths“, alle anderen Michael Jackson und Prince.

Das bestimmende Gefühl war jedenfalls immer: Wir sind viele. Was wir machen, machen alle. In den Schulklassen saßen 40 Kinder, sie hießen Thomas und Michael, Sabine und Susanne. Die Univorlesungen hörten wir auf dem Fensterbrett. Es war das, was Soziologen die „Urerfahrung der Masse“ nennen. Die Folge? Unser Geschmack, unser Stil, unsere Normen setzten sich durch.

Warum sind heute die Feuilletons voll mit wehmütigen Nachrufen über Prince? Warum bringen uns politische Autoren Guido Westerwelle als Menschen so nahe? Weil in den Medien, wie überall, die Babyboomer am Drücker sind. Immer noch, wie seit 20 Jahren. Wir bestimmen, was die Leser aller Altersstufen für traurig halten müssen. Wer weiß, ob die Zwanzigjährigen den Tod von Lemmy Kilmister oder Whitney Houston besonders tragisch finden. Wohl eher nicht. Aber wir haben am Baggersee immer Motörhead auf dem Kassettenrekorder gehört. Deshalb beweinen wir den Sänger im großen Stil. Und damit unser eigenes Älterwerden.

Von vielen sterben viele

Es sind ja nicht nur die Nachrichten vom Ableben der Stars ihrer Generation. An allen Ecken und Enden bekommen die Babyboomer das nahende Ende ihrer Epoche signalisiert. Immer verbunden mit unschönen Seitenhieben auf ihre Vielzahl. So wird in den Zeitungen ständig von Rentenexperten die Rechnung aufgemacht, welche katastrophalen Auswirkungen es haben wird, wenn die Boomer in Rente gehen. Vor allem auf die Jüngeren, die dann für Legionen von Rentnern aufkommen müssen, die im Liegestuhl sitzen und Prince hören.

Immer wieder sind auch Artikel zu lesen, in denen die Frage gestellt wird, ob eine Gesellschaft, die von alternden Menschen dominiert wird, ausreichende Innovationskraft hat. Übliche Antwort: Nein. Und dann ständig die Nachrichten vom frühen Tod der Altersgenossen. Dabei ist ja klar: Von vielen sterben viele.

Eine Hoffnung könnte nur sein, dass sogar Popstars immer älter werden. Für die Babyboomer gilt deshalb die Regel: Auch wenn das Rentenalter immer näher rückt – solange die Mitglieder von Abba noch leben, ist alles gut.

18 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben