Welt : Der Trend geht wieder zur Familie

06.11.2001 00:00 Uhr

Die so genannte Spaßgesellschaft ist offenbar im Wandel: Ausruhen statt Ausgehen und ernsthafte Gespräche statt Partygeplauder sind angesagt. Für immer mehr Deutsche ist ein erholsames Familienleben wichtiger als früher, für jeden Zweiten (51 Prozent) ist es der Mittelpunkt des Lebens. 1999 war es das nur für 44 Prozent. Das ergab die Umfrage "Freizeit-Monitor 2001" des British American Tobacco (BAT)-Freizeitforschungsinstituts, die am Dienstag in Hamburg veröffentlicht wurde. Seit 1995 führt das Institut jedes Jahr eine solche Untersuchung durch und befragt 3000 Männer und Frauen über 14 Jahre zu ihren Freizeit-, Konsum- und Lebensgewohnheiten.

"Der Zenit der Vereinzelung, der Kinderlosigkeit und Anti-Familienstimmung ist überschritten", sagte Institutsleiter Horst W. Opaschowski am Dienstag in Hamburg. "Die Familie könnte wieder zum sozialen Lebensmittelpunkt werden." Auch das Miteinanderreden würde an Bedeutung gewinnen. 34 Prozent der Befragten gaben an, Wert auf ernsthafte Gespräche im Freundes- oder Familienkreis zu legen. Vor zwei Jahren waren es nur 26 Prozent.

"Zur Ruhe kommen, in Ruhe gelassen werden und sich in Ruhe pflegen deuten auf einen Einstellungswandel hin, der Wohnen und Wohnumfeld wieder stärker in das Zentrum der persönlichen Lebensqualität rückt", sagte Opaschowski.

Unter jungen Deutschen stellte die Untersuchung eine Trendwende hin zu klassischen, konservativen Tugenden fest. Bei 14- bis 29-Jährigen erlebten Werte wie Pflichterfüllung und Fleiß seit der Wende 1989 eine "Renaissance". Beim Thema Gehorsam stieg die Zustimmung seit 1989 um sechs, bei Pflichterfüllung um fünf und bei Höflichkeit und Fleiß je um ein Prozent.

Die Zustimmung zu Werten der Selbstentfaltung nahm im gleichen Zeitraum jedoch ab - Kritikfähigkeit um zwölf, Kontaktfähigkeit und Spontaneität um jeweils zehn Prozent. Die junge Generation suche ein Leben im Gleichgewicht, eine ausgeglichene Balance zwischen Wohlstand und Wohlbefinden. "Leistung und Lebensgenuss sind für sie keine Gegensätze mehr, beide verlieren ihren Konfrontationscharakter", erklärte Opaschowski. Die Jugend löse sich aus dem "Schatten der Werterevolution der 68er Jahre".

Die deutsche Wiedervereinigung hat nach Ansicht Opaschowskis maßgeblich zum Wertewandel in Deutschland beigetragen. "Die mehr konservativen Werte der Ostdeutschen haben den Selbstenfaltungstrend der Westdeutschen spürbar gebremst." Umgekehrt habe der Lebensstil in den alten Bundesländern auch die neuen beeinflusst. So seien etwa "Unternehmungen mit Sinnbezug stärker gefragt". 16 Prozent der Befragten hatten berichtet, in den vergangenen Tagen in der Kirche gewesen zu sein. Nur 12 Prozent hatten Sportveranstaltungen besucht. "Die Menschen wollen mit der Welt ins Reine kommen und sind auf der Suche nach dem inneren Frieden", sagt Opaschowski. "Das kann ein Rückzug in die Familie und auch eine Neubesinnung auf das Beständige sein, was dem Leben einen Sinn gibt."

Erstmals sei darum auch das Engagement in Bürgerinitiativen und anderen ehrenamtlichen Tätigkeitsfeldern wieder gestiegen. Hingegen habe die Mitarbeit in Parteien und Gewerkschaften, nach Opaschowskis Angaben "ihren absoluten Tiefpunkt erreicht". "Die Menschen verlangen nach Sinnorientierung, nicht erst seit dem 11. September."

Darum werde in Zukunft auch "Religiosität als Lebensgefühl" immer stärker gefragt sein. "Das Problem war ja nicht der Verfall des Religiösen, sondern die Inflationierung des Lebens mit Ersatzreligionen, Werbung, Medien, Mode, Marken", sagte Opaschowski. "Markennamen wurden geradezu als Ersatz für das fehlende Sinnsystem kreiert, Konsumlust sollte zur Ersatzreligion werden. Ich glaube, diese Lebenserfüllung aus dem Warenregal ist einfach ein Irrweg und eine Selbsttäuschung."

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