Welt : Der Trick mit der Jacke

Der Mörder Jakob von Metzlers ist eindeutig überführt. Noch schweigt er. Dennoch kann die Entführung und die Ermordung des Jungen rekonstruiert werden

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Von Sören Rabe, Frankfurt(Main)

Wird der Täter heute sein Schweigen brechen? Wird er der erschütterten Öffentlichkeit sagen, was er getan hat, wie er es getan hat und warum? In den Augen der Ermittler ist Magnus G. eindeutig überführt. An seiner Täterschaft gibt es keinen Zweifel. Bis er redet, kann die Entführung und Ermordung Jakob von Metzlers nur anhand zahlreicher Details rekonstruiert werden, die die Ermittler bislang gesammelt haben:

Jakob von Metzler war am Freitag vorletzter Woche, dem letzten Tag vor den Schulferien, nicht nach Hause gekommen. Ein Mitschüler sieht den Elfjährigen an der Bushaltestelle in Sachsenhausen, wo er aussteigt, um die letzten Meter zur Villa seiner Familie zurückzulegen. Nach Angaben der Ermittler waren dies die letzten Minuten seines Lebens. Magnus G., ein Bekannter der Familie, dessen Wohnung in der Nähe liegt, wartet auf sein Opfer.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte der Tatverdächtige vor allem Kontakt zu Jakobs Geschwistern, die er von Disco-Besuchen und Fußballspielen der Frankfurter Eintracht kannte. Der „Spiegel“ schreibt, Jakob habe den Mann nur flüchtig gekannt, als Freund eines Mädchens aus der Parallelklasse seiner Schwester.

Magnus G. bittet Jakob mit ihm nach Hause zu kommen. Jakobs Schwester Elena habe dort ihre Jacke vergessen, ob er sie nicht mitnehmen könne. Ein skrupelloser Trick: Jakob hatte nicht den geringsten Grund, misstrauisch zu sein. Er folgte seinem späteren Mörder arglos in dessen Wohnung. Wie der „Spiegel“ schreibt, soll Magnus G. sein Opfer sofort angefallen und erwürgt haben, nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Er steckte die Leiche in zwei Plastiksäcke und verschnürte sie mit Klebeband.

Er trägt die Leiche zu seinem Auto, einem Honda Civic, und legt sie in den Kofferraum. Dann fährt er mit der Leiche zur Villa der Eltern, legt ein Erpresserschreiben vor das Anwesen – laut „Spiegel“ soll er es schon Tage vorher verfasst haben – und beschwert es mit einem Stein.

Anschließend fährt er etwa 60 Kilometer Richtung Schlüchtern, um die Leiche in einem Tümpel zu versenken.

Die Eltern waren voller Zuversicht, nach Zahlung von einer Million Euro Lösegeld ihren Sohn wiederzusehen. Die Beschaffung des Geldes war auch für die Bankierfamilie nicht einfach. Bargeld in dieser Höhe – das konnte sie nur mit Hilfe der Landeszentralbank beschaffen. Und das am Wochenende. Die Übergabemodalitäten waren von dem Täter teils raffiniert, teils naiv geplant worden. Die Polizei hatte 60 Stunden Zeit, sich auf die Lösegeldübergabe vorzubereiten, den Treffpunkt abzuschirmen, Kameras zu installieren. In der Nacht zum Montag holt der Täter das Geld an einer Straßenbahnhaltestelle ab. Die Polizei verfolgt ihn und ist überrascht von seinem stümperhaften Verhalten. Magnus G. überweist am Automaten etwas Lösegeld auf sein eigenes Konto, offenbar um zu testen, ob die Scheine markiert sind. Als nichts passiert, zahlt er zuversichtlich mit Lösegeld einen Mercedes an und organisiert einen Ferienflug – immer unter den Augen der Polizei. Sie unternimmt nichts, in der Hoffnung, Jakob lebend zu bekommen. Sie hört das Telefon von Magnus G. ab, aber es gibt keine Hinweise auf den Verbleib des Opfers.

Als die Eltern erfahren, wer der Täter ist, sinken alle Hoffnungen. Jakob würde den Täter unschwer identifizieren können. Die Wahrscheinlichkeit, Jakob lebend wiederzubekommen, sinkt gegen Null. Vielleicht ist das der Grund, warum der Frankfurter Polizeipräsident am nächsten Tag berichten wird, die Familie habe nach dem späteren Fund der Leiche die Nachricht vom Tod des Kindes gefasst aufgenommen. Die Familie hatte schon zuvor keinerlei Grund zur Hoffnung mehr.

Als Magnus G. mit seiner Freundin auf die Kanarischen Inseln fliegen will, greift die Polizei zu. Später gibt Magnus G. Hinweise, die zum Verbleib der Leiche führen.

Ob der mutmaßliche Mörder in erster Linie aus Habgier gehandelt hat, stand auch nach seiner Vernehmung am Freitag noch nicht fest. Dem „Spiegel" zufolge suchte er gezielt Kontakt zu Jugendlichen aus reichen Familien. Anhaltspunkte für ein Sexualdelikt gibt es laut Staatsanwaltschaft nicht, obwohl die Leiche des Elfjährigen nur mit einem T-Shirt und einer Unterhose bekleidet gefunden worden war. Gegen den 27-Jährigen gab es früher einen Strafbefehl wegen Fahrerflucht. Ein zweites Verfahren wegen Beleidigung sei eingestellt worden.

In Zeitungsanzeigen brachten Mitschüler am Wochenende ihre Trauer zum Ausdruck. „Wir können es nicht fassen und trauern um unseren Schüler“, heißt es in einer Anzeige der Schulgemeinden des Gymnasiums und der Grundschule Jakobs. „Als einen lieben, lustigen und fröhlichen Menschen werden wir ihn in Erinnerung behalten“, steht in einer Anzeige seiner Klasse 6e vom Tag zuvor. „Du bleibst mein bester Freund“, schreibt sein Freund Lucas in einer Anzeige.

Fußball-Zweitligist Eintracht Frankfurt spielte am Sonntag in Aachen mit Trauerflor. Die Mannschaft wollte damit nach Angaben von Trainer Willi Reimann die Anteilnahme mit der Familie von Jakob bekunden. Der ermordete Junge war ein begeisterter Eintracht-Fan, sein Vater Friedrich unterstützt den Club seit vielen Jahren finanziell.

In einem Trauergottesdienst soll am Freitag in der Frankfurter Katharinenkirche Jakob von Metzlers gedacht werden. Die Familie will den Jungen im engsten Kreis beisetzen lassen.

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