Welt : "Der undenkbare Dritte": Vom Geld zum Geist

Hans-Martin Lohmann

Nietzsche verdanken wir die besten Fragen: "Wozu, schlimmer noch, woher! - alle Wissenschaft?", notierte er inmitten eines Zeitalters, das sich mit Haut und Haar der Wissenschaft verschrieben hatte.

Hundert Jahre nach Nietzsche wagt ohnehin kaum noch jemand, die Frage nach dem Wozu der Wissenschaft, nach Sinn und Ziel der rasenden Wissensfortschritte ernsthaft zu stellen. Zu sehr sind in der "Wissensgesellschaft", die Imperative des wissenschaftlichen Weltbildes in Fleisch und Blut übergegangen. Erst recht ging die Frage nach dem Woher dieses Weltbildes verloren.

Wer sie dennoch stellt, muss noch einmal an die totgesagte Tradition der "großen Erzählung" im Sinne Lyotards anknüpfen, an Erzählungen also wie die "Phänomenologie des Geistes", "Das Kapital", "Totem und Tabu". Othmar Franz Fett unternimmt das, als eine skeptische Entgegnung auf den globalistischen und totalitären Furor der modernen (Natur-)Wissenschaft.

Vor gut einem halben Jahrhundert haben Horkheimer und Adorno den Zusammenhang von Subjekt- und Rationalitätsgenese, von Aufklärung, Wissen, Macht und Naturbeherrschung in "Dialektik der Aufklärung" zu erhellen versucht. Ihre Frage, unter welchen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen das spezifisch "westliche" Denken entstehen und seinen schließlich globalen Siegeszug antreten konnte, verdankte sich wiederum Überlegungen des heute weithin vergessenen Soziologen Alfred Sohn-Rethel, der schon in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts Hypothesen über die in seinen Augen eben nicht zufällige Gleichzeitigkeit des Auftauchens von Geld und Geist in der griechischen Archaik formuliert hatte.

Könnte es sein, so Sohn-Rethels Gedanke, dass ein Zusammenhang besteht zwischen systematisch geldvermittelten Warentausch, wie er für die Griechen seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert belegt ist, und systematischen begrifflichen Denken, das uns in Gestalt der Fragmente der Vorsokratiker als Anfang der Philosophie überliefert ist?

In diesen Rahmen gehört auch die Studie des Sozialphilosophen Othmar Franz Fett zum "undenkbaren Dritten", wenn auch das "Geld und Geist"-Konstrukt hier keine wesentliche Rolle spielt. Allerdings schuldet Fett den Arbeiten Sohn-Rethels wichtige Impulse, überhaupt erweist, dass die marxistisch inspirierte Altertumsforschung - man denke nur an Namen wie George Thomson und Moses Finley - noch am ehesten in der Lage ist, heuristisch fruchtbare Fragen zu stellen.

Was bis heute gerne als "griechisches Wunder" oder als "Eigenart der Griechen" bezeichnet wird - die scheinbar voraussetzungslose, gleichsam unerklärliche Heraufkunft eines philosophischen Genius in den Schriften der Vorsokratik -, zeigt sich in sozialhistorischer Sicht als Resultat einer geschichtlichen Bewegung, die in postmykenischer Zeit den östlichen Mittelmeerraum erfasste und speziell die griechische Welt transformierte. Zu dieser Bewegung zählt, so Fett, das Aufkommen eines Fernhandels zwischen der Levante und Griechenland, aber auch die Entstehung der Schriftkultur und, - überraschenderweise -, der Einfluss afroasiatischer Strömungen auf den griechischen Kosmos.

Auf Grund der aktuellen Forschungslage hält Fett es für möglich, dass die scheinbar autonom entstandene griechische Kultur zutiefst von phönizischen und, über diese vermittelt, von judäisch-monotheistischen Einflüssen geprägt ist. Die jüngsten Grabungsergebnisse in Troia, die auf einen hethitischen Hintergrund deuten, scheinen das insofern zu bestätigen, als das vertraute Bild eines "griechischen" Troia und damit eines rein innergriechischen Dramas, das Homer mit der Ilias überliefert hat, erheblich eingetrübt wird.

Faszinierend an dieser Erzählung ist, dass es dem Autor gelingt, eine traditionskritische Lektüre der Vorsokratiker, die sich gegen den aristotelischen Substantialismus richtet, mit den angedeuteten Umbrüchen in den "dunklen Jahrhunderten" nach dem Untergang der mykenischen Paläste auf plausible Weise zu verknüpfen. Die Anfänge des philosophischen Denkens der Griechen deutet er als eine massive Verlagerung kognitiver Anstrengungen vom Dingschema zum Schema der Relation: die Schwelle vom konkreten zum abstrakten operationalen Denken wird überschritten. Dieser vorsokratische Relationalismus, der sich vom Substanzdenken löst, wird unter dem Namen des "dritten Menschen" noch in der Ideenlehre Platons diskutiert.

Wenn wir es hier mit einer kognitiven Revolution zu tun haben, die am Anfang des "westlichen Weges" steht, so handelt es sich um eine Revolution aus dem Geiste einer neuen Ökonomie. Diese war dann unser Schicksal: "Das Weltbild abstrakter Operationalität entspringt einer rekonstruierbaren Sphäre der gewinnorientierten Verkehrsökonomie in der ersten Hälfte des postmykenischen Jahrtausends."

Das neue, auf Beziehungen und Strukturen gerichtete Denken der Vorsokratik, die Entgötterung der Dinge, von der Philosophiegeschichte als Übergang "vom Mythos zum Logos" gefeiert, ist in sozialhistorischer Perspektive die notwendige Antwort auf tiefgreifende Veränderungen durch eine neue Fernverkehrsökonomie, Sie bringt den Typus des Tauschvermittlers, des "undenkbaren Dritten" hervor. "Undenkbar" ist er, weil der Vermittler im Akt der Vermittlung selber verschwindet und das Resultat seines Tuns zu Natur, zur vermeintlichen "Grundausstattung des Menschen" (Jan Assmann) erstarrt und so der historischen Reflexion entzogen wird.

Im geschichtlichen und Kulturvergleich ist dieser Vorgang ziemlich einzigartig. Schon Max Weber hat ernsthaft die Möglichkeit eines okzidentalen Sonderweges erwogen, der die vormoderne, aber sozial befriedigende Logik des Gaben- und Geschenketauschs aufkündigte. Zweifel an der "Vernünftigkeit" dieses Weges hat zuerst Nietzsche in voller Schärfe artikuliert. Der Gewinn von Fetts Studie liegt darin, dass sie nicht nur eine nachvollziehbare Erklärung des "griechischen Wunders" bietet, sondern zugleich daran erinnert, dass wir nicht einfach sind, was wir sind, dass wir vielmehr geworden sind, was wir sind.

Wahrscheinlich wäre schon viel gewonnen, wenn wir begreifen würden, dass unsere Weise, die Welt anzuschauen und sie uns wissenschaftlich "untertan zu machen", nur eine unter vielen möglichen Weisen ist - vielleicht, wer weiß, sogar die am wenigsten vernünftige. Der Ägyptologe Jan Assmann, Autor des ausgezeichneten Werkes Moses der Ägypter (Hanser Verlag 1998), schrieb unlängst: "Wir sollen den Weg nicht zurückgehen, aber wir sollen uns dieses Weges bewusst werden, damit wir die Kulturen, Religionen und Gesellschaften besser verstehen können, die diesen Weg nicht gegangen sind ... Einsicht in die Geschichtlichkeit der eigenen Wahrheit scheint mir eine Vorbedingung für Toleranz."

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