Welt : Der Weg des Feuers

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Von Friedemann Diederichs,

Show Low

Als der Sheriff vor dem Haus von Noble Gardner am Rand der Ortschaft Overgaard vorfährt und eine rote Schleife an die Eingangstür bindet, erwartet der Besitzer bereits in seinem Geländewagen die Hiobsbotschaft. Die rote Schleife, das bedeutet angesichts der bedrohlichen Qualmberge und des Ascheregens: Dieses Haus wird nicht vor dem zu retten sein, was die Brandbekämpfer in Arizona als „unbezähmbares Monster“ bezeichnen, den Zusammenschluss zweier Feuerwalzen zu einem einzigen Inferno. Dort wo die rote Schleife hängt, versuchen die Feuerwehren gar nicht erst, das Gebiet zu retten. Es wird den Flammen überlassen.

Während die Fernseh-Stationen im Viertelstundentakt über die immer näher rückende und bis zu 80 Kilometer breite Feuerwalze berichten, hat Noble Gardner bereits eingeladen, was für ihn unverzichtbar ist: Bargeld, zwei Koffer Wäsche, seine wichtigsten Papiere, den Vertrag mit dem Bestattungsinstitut. Und die Urne mit der Asche seiner Frau Neva.

Die USA werden derzeit von Waldbränden heimgesucht, die schon jetzt zu den schlimmsten der Geschichte zählen. Eine Million Hektar stehen in Flammen, verteilt über acht Bundesstaaten.

Jetzt steht Arizona im Zentrum des Feuers. Der Stadt Show Low droht die Zerstörung. Sie wurde vollständig evakuiert. Alle 10 000 Einwohner mussten gehen. Aus dem gesamten Südwesten der USA wurden Feuerwehrwagen zusammengezogen, um die Stadt in letzter Minute zu retten.

In den Bergregionen des Bundesstaates erhielten Hunderte Häuser in den letzten 48 Stunden mit der roten Schleife ihr Todesurteil. Auf andere wiederum, mit weißen Bändern gekennzeichnet, richtet sich die volle Aufmerksamkeit der rund 1700 Einsatzkräfte, die aus allen Teilen der USA angerückt sind, um bei sommerlicher Gluthitze rund um die Uhr zu retten, was rettbar erscheint. Während sich derzeit rund 25 000 Menschen aus insgesamt elf Ortschaften in Notquartieren des Roten Kreuzes und der Heilsarmee aufhalten, stehen Männer wie der 21-jährige Donovan Skidmore in vorderster Front gegen das Meer aus bis zu 100 Meter hohen Flammen.

Skidmore, geboren im Indianer-Reservat der Apache, gehört zu jenen „hotshots“, für die keine Lebensversicherung eine Police ausstellen würde und die tagelang ohne Schlaf auskommen können. Seine Aufgabe: Im Rennen gegen die Zeit so genannte „Stopp-Linien“ aufzubauen, an denen das Feuer zum Stillstand kommen soll. Die Mittel dazu muten archaisch an: Klappspaten, Axt, Wasserflaschen und ein Not-Zelt aus hitzeabweisendem Material, in dem die Brandbekämpfer – so verspricht es jedenfalls der optimistische Hersteller – bis zu zehn Minuten überleben können, falls ihnen der Rückweg abgeschnitten wird. „In Oregon starben fünf von uns in diesen Zelten, sie sind einfach erstickt,“ sagt Skidmore, der wie seine Kollegen in diesen Tagen eine andere Überlebens-Strategie entwickelt hat. „Immer hundert Meter von den Flammen entfernt sein – oder rennen."

Die Hitze brennt in den Gesichtern der „hotshots“, während sie in mehreren Gruppen versuchen, vor allem in der Nähe von Ortschaften natürlich vorhandene Schneisen wie Forststraßen zu verbreitern. Buschwerk wird in fieberhafter Eile ausgelichtet, dazu fällen die Feuerwehrleute jene Pinien, die seit Monaten keinen Regentropfen mehr gesehen haben.

Immer wieder sind Explosionen zu hören – das sichere Zeichen dafür, dass die Flammen wieder dichtere Waldstücke erreicht haben, dann von Baumkrone zu Baumkrone überspringen und diese in Sekunden entflammen.

Nicht alle Menschen lassen sich evakuieren. Als einer der letzten hat der 67-jährige Larry Teel den Ort verlassen. Aber erst, als ihm die Luft knapp wurde.

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