Welt : Der Wirbelsturm trifft heute auf die Ost-Küste

Julie Thompson kann noch die Stelle sehen, wo sie vor zwei Stunden auf die Straße eingebogen ist. "Eine Strecke von drei Stunden wird heute wohl eher zehn Stunden dauern", sagt die Urlauberin, die auf dem Weg von ihrem Ferienort Myrtle Beach ins Landesinnere im Stau steht. Wie Millionen andere US-Bürger hat Thompson die Warnungen vor dem Hurrikan Floyd ernst genommen, die von Florida bis nach Virginia eine beispiellose Massenflucht auslösten. Obwohl der Alarm rechtzeitig kam, war das Straßennetz der südöstlichen US-Bundesstaaten völlig überfordert. "Es ist wie in einem Science-Fiction-Film, wenn die Marsmenschen kommen", meint der 62-jährige Julius Hornstein aus Savannah im Bundesstaat Georgia.

Weil Hurrikans in den USA aufgrund der ausgefeilten Vorsorgemaßnahmen nur noch selten tödlich sind, werden die Evakuierungsbefehle von den Küstenbewohnern oft ignoriert. Kein US-Bürger kann gezwungen werden, sein Haus zu verlassen, so dass meist nur Urlauber auf den überall angezeigten Evakuierungsrouten unterwegs sind. Diesmal jedoch ließen sich auch Abgebrühte von Floyds Ausmaßen und den Alarmrufen der Meteorologen beeindrucken. Auf den Radarbildern im Fernsehen nahm der Wirbelsturm zweimal so viel Platz ein wie Florida. "So ein Hurrikan nötigt einem Respekt ab", meinte Marice Johns aus Cocoa Beach.

Die Behörden wurden von der Massenflucht überrascht. "Die schiere Panik hat unvorstellbare Probleme ausgelöst", räumte Chuck Williams von der Autobahnpolizei in Zentral-Florida ein. Sein Kollege Ken Howes verglich die Ausfallstraßen von Jacksonville mit riesigen Parkplätzen. Erst mit Verspätung kamen die Verantwortlichen auf die Idee, alle Spuren der wichtigsten Highways für den Verkehr in nur eine Richtung freizugeben: ins Landesinnere und weg vom Hurrikan. Engpässe gab es auch an den Tankstellen und in den Geschäften. Taschenlampen, Batterien und die Bretter zum Verrammeln der Fenster waren bald ausverkauft. Überall greife Panik um sich, berichtete Ida Weathers, die sich im Baumarkt bei Charlotte in North Carolina eine der letzten Propangasflaschen sicherte. Eine Frau habe 75 Liter Trinkwasser gekauft. Weil Hotels ausgebucht und Notunterkünfte überfüllt waren, winkte die Polizei in Georgia die Flüchtlinge auch 130 Kilometer von der Küste entfernt noch weiter Richtung Westen.

Aufatmen konnten schon am Dienstag die Menschen in Süd-Florida. Wie die Meteorologen gehofft hatten, veränderte Floyd seinen Kurs im Laufe des Tages in nordwestliche Richtung und nahm nun zunächst Georgia und dann die South und North Carolina ins Visier.

Der gewaltige Hurrikan Floyd hat die wahrscheinlich größte Evakuierungsaktion in den USA in Friedenszeiten ausgelöst: Mehr als 2,5 Millionen Menschen sind vor dem Sturm auf der Flucht. "Floyd" ist mit Windgeschwindigkeiten von über 210 Stundenkilometern in seinem Zentrum und einer Ausdehnung von der Größe des Bundesstaates Texas der seit Jahren größte und gefährlichste Wirbelsturm, der die USA bedroht.

Das Nationale Hurrikan-Zentrum in Miami rechnete am Mittwoch damit, dass Floyd am Donnerstag in den frühen Morgenstunden im Bundesstaat North Carolina in der Gegend um Wilmington auf Festland treffen könnte. Gefährdet waren auch die Küstenregionen der südlicher gelegenen Staaten South Carolina und Georgia mit den historischen Städten Savannah und Charleston. Es besteht die Gefahr schwerer Flutwellen und massiver Verwüstungen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar