Welt : Der Zeit ein Lied

Als griechischer Junge aus Ägypten eroberte er einst in Frankreich den Olymp – heute wird Georges Moustaki 70

Kerstin Decker

Heute wird Georges Moustaki siebzig Jahre. Für andere mag das ein Problem sein, aber für ihn? War er überhaupt jemals richtig jung? Anfang der Achtziger entdeckte die DDR Georges Moustaki. Das einzige Pop-Plattenlabel des Landes hatte gerade eine Langspielplatte herausgebracht. Die hieß einfach „Georges Moustaki". Mehr war nicht zu sagen. Mit „Ma Solitude" fing sie an und mit „Elle est Elle" hörte sie auf. Man konnte viel einwenden gegen ein Land, das nur ein einziges Plattenlabel besaß, dessen größter Ehrgeiz darin zu bestehen schien, möglichst wenig Schallplatten zu produzieren. Aber das hatte auch Vorteile. Alle hörten immer die gleiche Musik. Und 1982 und 1983 waren die Georges-Moustaki-Jahre, egal wo man hinkam. Gleichgesinnte erkannten sofort seine Lieder, die längst ihre waren. Es folgten die Sollten-wir-nicht-mal-wieder-GeorgesMoustaki-hören?-Jahre, also ungefähr 1983 bis 1989. Wir konnten die Platte längst auswendig. Aber das machte sie nur schöner. Jung sein, heißt seine Seele zu möblieren. Es entstanden ganze Moustaki-Zimmer. Und man kann sie später nicht mal mehr umräumen oder einfach abschließen. Das merkt man beim Wiederhören. Nichts ist so sicher wie, dass nach „Ma Solitude" „Hiroshima" kommt und nach „Joseph" „17 ans". Das sind die letzten großen Verlässlichkeiten. So eroberte Moustaki die achtziger Jahre. Die Sechziger und die Siebziger gehörten ihm ohnehin schon. Und die Neunziger steckte er nebenbei in die Tasche, nur dass sein grauer Bart jetzt ganz weiß war, und die Haare auch, und er in Konzerten nicht unbedingt jeden Ton traf, aber wer könnte sonst schon die richtigen genießen?

„Limitierter Komponist“

Auf dem „Georges Moustaki"-Cover war Moustaki auch schon alt. Normalerweise toleriert Jugend so etwas nicht. Bei ihm war es egal. Und diese sanfte, immer so gleichmäßige Stimme, war sie nicht eher ein tonaler Bummelstreik in Permanenz? Georges Moustaki musste in unseren Ohren zeitgleich gegen die soeben selbst wiederentdeckten Deep Purple und zeitgenössische Fehlentwicklungen wie AC DC ansingen. Was Ritchie Blackmore von Deep Purple mit einer Gitarre machen konnte, konnten wir genau sagen. Was machte eigentlich Moustaki damit? Wir wussten es damals nicht und wissen es heute immer noch nicht. Kritiker haben ihn einen „limitierten Komponisten" genannt. Das ist ganz wichtig. Denn natürlich muss limitiert sein, wer den Rahmen des Eigenen abstecken will. Und ohne einen Anklang ans Mittelmaß, merkt keiner das Besondere, das einer hat. Moustaki, der Unbenennbare. Denn jeder Zauber, den man klar aussprechen kann, ist schon gebrochen.

Wenn man ein kleiner griechischer Junge in Ägypten ist, kann man vieles werden. Nur ein großer französischer Chansonier nicht unbedingt. Wo immer ein Olymp rumsteht, ist er gut bewacht. Und der des Chansons ganz besonders.

Die Amtssprache von Alexandria ist Englisch, aber Moustakis Eltern melden ihn auf einer französischen Schule an. Dass die Schule französisch ist, merkt man nur während des Unterrichts, in den Pausen klingen Arabisch, Italienisch, Griechisch, Türkisch und Armenisch durcheinander.

Nach der Schule läuft er zur „Cité du Livre", in die französische Buchhandlung seines Vaters. Und unmerklich wird aus dem griechischen Jungen in Ägypten ein Franzose. Dazu braucht er keinen Pass, nicht mal eine Aufenthaltserlaubnis. Er zieht einfach um in die französische Sprache und richtet sich in ihr ein. Er liest Romane aus dem Geschäft seines Vaters und borgt sich dessen lange Hosen, um abends mit der Mutter zu den Konzerten französischer Chanconiers zu gehen. Moustaki hört Charles Trenet, Henri Salvador, Ives Montand und Edith Piaf.

Als er siebzehn ist, beschließt er, ihnen ein bisschen entgegenzugehen. Er fährt allein nach Paris, seine Mutter schickt ihm die Gitarre hinterher. Seine Aufenthaltserlaubnis trägt das Datum 12. November 1951. Moustaki nennt sie seine eigentliche (Wieder)geburtsurkunde.

Ganz der Alte

Aber direkt neben dem Olymp zu wohnen, ist auch nicht viel anders, als ihn aus der Ferne zu sehen. Moustaki verkauft in Hauseingängen Gedichte, er beginnt zu singen. 1959 lernt er Edith Piaf kennen und schreibt ihr den Welterfolg „Milord".

Sieben Jahre später zieht er Bilanz. Georges Moustaki, der eigentlich Joseph Moustacchi heißt, schreibt auf, wer er ist, ganz schonungslos: „Mit meiner Visage eines Fremden/ des ewigen Juden, des griechischen Hirten/ und mit meinen zerzausten Haaren/ mit meinen verwaschenen Augen/ die mir den Anschein geben zu träumen/ mir, der nicht mehr oft träumt/ mit meinen Händen des Marodeurs …" Es ist „Le Métèque", „Der Fremde". Drei Jahre war dieses Lied von allen Studios abgelehnt worden, aber dann singt Moustaki es in der Sendung „Discorama". Und natürlich singt er „Le Métèque" moustakisch sanft, schon des Kontrastes wegen. Nur schwache Texte haben die Stimme eines Marodeurs nötig. Am nächsten Tag laufen die Pressen von „Polydor" an, 5000 Stück am Tag. „Le Métèque" geht um die Welt.

Der Olymp steht offen, immerhin eine Art griechischer Heimatberg. Moustaki beschließt, da nie mehr runterzukommen, und doch „Le Métèque", der Fremde, der Wanderer zu bleiben. Er zieht mit seinen Liedern von Land zu Land, über dreißig Jahre schon. Manchmal schreibt so ein Land ihm ein Lied, oder er schreibt es dem Land – genau kann das keiner sagen, er erst recht nicht. Moustakis Brasilien-Chansons („Bahia") sind so entstanden.

Manchmal schreibt ihm auch die Zeit ein Lied oder er schreibt es der Zeit. „Le temps de vivre" gehört dem 68er-Paris. Wie alle Menschen, die das Faulsein nicht aushalten, singt er Hymnen an die Faulheit. Und wie die allerschlimmsten Melancholiker leugnet er, ein Melancholiker zu sein. Natürlich, es ist alles gesungen, alles gesagt. Aber es ist immer schon alles gesungen und gesagt. Das ist sehr gut so. Dürfte man sonst einfach wieder von vorn anfangen? Jedesmal neu?

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