Welt : Des Königs neue Kleider

Der Ruf des Luxus in Zeiten der Not – John Galliano von Dior zeigt, wer Herrscher über die Modewelt ist

Grit Thönnissen

Nicht von dieser Welt. Bei den HauteCouture-Schauen in Paris zeigten die Modeschöpfer unvorstellbaren Luxus. Gerade nach der Absage von Givenchy, Balmain, Ungaro und Versace war die Haute Couture im Vorfeld mal wieder für nicht mehr zeitgemäß erklärt worden.

Das war vor der Schau von John Galliano für Dior. Der britische Designer ließ angesichts eines geradezu königlichen Spektakels alle Kritiker verstummen. Es schien, als wolle Galliano allen zeigen, dass die Haute Couture immer noch unangefochten über die Modewelt herrscht. Models mit kunstvoll verrutschten Kronen im Haar und prunkvollen Zeptern in der Hand stolzierten mit ihren Machtsymbolen in Samt und Seide über den Laufsteg. Mit den Roben, die irgendwo zwischen Barocker Pracht und dem Schick lasziver Hollywooddiven changierten, bewies Galliano, dass er der unangefochtene König der Haute Couture ist. Positive Schätzungen gehen von weltweit noch etwa 800 Frauen aus, die Haute-Couture tragen. Pessimisten rechnen gar nur mit 300 Kunden, die bereit sind, rund 15000 Euro für ein handgefertigtes Kostüm auszugeben.

Machten in den 90er Jahren die reichen Amerikanerinnen noch 60 Prozent der Haute Couture-Kundinnen aus, setzen heute viele Modehäuser auf reiche Russen, Inder und Chinesen. Denn im Westen halten auch die Reichen ihr Geld zusammen. Wäre es nach Letizia Ortiz, der Braut des spanischen Thronfolgers gegangen, hätte sie in einem Haute-Couture-Kleid von Valentino geheiratet, das spanische Königshaus unterband dies. Es hätte nicht dem Selbstverständnis des Hauses entsprochen. In Zeiten, in denen viele Bekleidungsunternehmen ihre inländischen Produktionen schließen und aus Kostengründen nach Osteuropa oder Asien verlagern, erscheint es wie ein absurder Anachronismus, dass in Paris tausende von Schneiderinnen und Stickerinnen in hunderten von Arbeitsstunden unfassbar kostbare Roben fertigen für eine immer weiter schrumpfende Zielgruppe. Die Umsätze sind entsprechend niedrig – nur drei Prozent setzen die Modehäuser mit der hohen Schneiderkunst um.

Deshalb führt Karl Lagerfeld als erstes Argument für die Haute Couture auch die Sicherung von Arbeitsplätzen ins Feld. Im Atelier von François Lesage arbeiten 26 Stickerinnen und sieben Designer fast ausschließlich für die Couture-Schauen. Eine Jacke über und über mit Perlen zu verzieren, dauert bis zu 500 Stunden. Eine bestickte Schulter kostet da schon mal rund 5000 Euro. Auch Lesage ist überzeugt, dass die neue reiche Kundschaft aus Russland, China und Indien die Rettung der Haute Couture ist. Nun will Paris die Begehrlichkeit für französischen Schick also dort wecken, wo vor nicht allzu langer Zeit Luxusmode unerreichbar war. In diesen Ländern herrscht, anders als im übersättigten Westen, eine ungestillte Sehnsucht nach opulentem Luxus. Und Markenzeichen wie Dior, Chanel und Lacroix wirken auf die neuen Superreichen in China, Russland und Indien wie magische Zauberformeln. Dafür muss sich die Mode der Haute Couture keineswegs dem Geschmack der neuen Käuferschaft anpassen: Wie man Luxus zur Schau stellt, ist in der westlichen Welt längst aus der Mode gekommen: Die Eleganz eines Schneiderkostüms hat es auch in besseren Kreisen schwer gegen die Bequemlichkeit der Konfektion. Dagegen zeigt man beispielsweise in Russland gerne, was man sich leisten kann. Trotzdem gilt: Die meisten Mäntel, Kleider und Jacken, die in Paris zu sehen waren, haben nur einen kurzen Show-Auftritt: Auch wenn Christian Lacroix bis zu 80 Modelle über den Laufsteg schickt, bestellt werden hinterher vor allem Abendgarderobe und Brautkleider.

Der Vorwurf, dass die Haute Couture nicht mehr zeitgemäß sei, wird indes immer lauter. Auch wenn Didier Grumbach, Präsident der Federation Français de la Couture die handwerkliche Kunst als „Speerspitze der französischen Luxusbranche" bezeichnet, schafft es kaum ein junger Designer, in den immer kleiner werdenden Kreis der Couturiers aufgenommen zu werden. Dabei sind es gerade die Kollektionen aufstrebender Designer, abseits des offiziellen Programms, die so etwas wie ein Laboratorium der Mode darstellen. Indem sie die Ideen der Prêt-à-porter-Mode mit der Verarbeitung der Haute Couture verbinden.

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