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Deutlich mehr Erkrankungen als 2014 : Berlin liegt flach: Grippewelle erreicht die Hauptstadt

Die Grippe kommt in diesem Jahr früh - und wird möglicherweise heftiger. Außerdem scheint der Saison-Impfstoff gegen einen der Erreger-Typen nicht gut zu wirken.

Grippewelle in Deutschland.
Grippewelle in Deutschland.Foto: dpa

Ausgeknockt von jetzt auf gleich: Wen die Grippe erwischt, der wandert meist auf direktem Wege ins Bett. In den vergangenen Tagen ging das vielen so: Die Virusinfektion hat sich im gesamten Bundesgebiet ausgebreitet. Bis zum 10. Februar gab es seit Beginn der diesjährigen Grippesaison insgesamt fast 11 000 bestätigte Fälle - die meisten davon im Osten und Süden. Eine Woche zuvor waren es noch rund 6400. „Stark erhöhte Influenza-Aktivität“, meldet die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) des Robert Koch-Instituts (RKI) in ihrem jüngsten Wochenbericht bundesweit.

In Berlin und Brandenburg kam es 2014/15 bisher zu mehr Erkrankungen im Vergleich zu 2013/14 bis zu diesem Zeitpunkt, wie im Praxisbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza abzulesen ist. Die Zahl blieb aber weit unter dem Höchstwert aus dem Jahre 2012/13. Wie in jedem Jahr ist die Grippe im Februar besonders ausgeprägt.

Es könnte noch dicker kommen

"Es gibt eine deutlich steigende Fallzahl in Berlin und Brandenburg", sagte Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts dem Tagesspiegel. Noch sei unklar, ob der Gipfel bereits erreicht sei. Allerdings weißt sie auch darauf hin, dass es sich bei den Meldedaten nur um einen Bruchteil der tatsächlichen Fälle handele. "Nicht jeder geht zum Arzt und nicht jeder Patient wird auch getestet", sagte Glasmacher.

„Insgesamt hat die Grippewelle etwas früher begonnen als in der vergangenen Saison, schon in der zweiten Kalenderwoche“, sagt AGI-Leiterin Silke Buda. Im Moment steigen die Zahlen laut Buda noch an. Wie heftig die Welle dieses Jahr - nach einer sehr milden Vorjahressaison - noch wird, ist nicht abzusehen. Aber es gibt einige Hinweise, dass es dicker kommen könnte.

Besonders verbreitet ist in dieser Saison nach RKI-Untersuchungen bislang der Subtyp H3N2 der Influenza-A-Viren. Zwar enthält der saisonale Grippeimpfstoff eine Komponente gegen H3N2. Aber dieser Stamm hat sich seit der Empfehlung für die Impfstoffzusammensetzung, die bereits im Frühjahr 2014 von der WHO festgelegt wurde, wieder verändert. Sprich: Das im Vakzin enthaltene Eiweiß stimmt nun nicht mehr mit dem Oberflächeneiweiß des Erregers überein.

„Hier muss mit einer möglicherweise reduzierten Impfwirkung gerechnet werden“, sagt Buda. Dies belegten auch Zahlen aus den USA, Kanada und Großbritannien. Die WHO hatte bereits im Januar bestätigt, dass sich Unterschiede zwischen Impfstoff und Erreger des Subtyps andeuteten. Dennoch, so betonen Experten, ist der Impfstoff der einzige mögliche Vorabschutz vor einer Grippeerkrankung. „Denn gegen die anderen Subtypen wirkt er ja“, sagt Buda.

Die Impfquote ist noch sehr gering

Wie sich die Impfung am Ende auf die Grippewelle auswirkt, hängt auch von der Impflust der Menschen ab: Vor allem Ältere, Menschen jeden Alters mit chronischen Grunderkrankungen oder Personen, die im medizinischen Bereich arbeiten, gehören zur Risikogruppe. „Die bisherige Impfquote ist immer noch nicht zufriedenstellend“, beklagt Buda. Nach bisherigen Erkenntnissen lassen sich weniger als 30 Prozent der Bevölkerung gegen Grippe impfen. Etwa die Hälfte der Älteren sei gegen Influenza geimpft, sagt Buda. Bei der Risikogruppe der Schwangeren ist es kaum ein Viertel.

Besonders impfbegeistert sind die Deutschen in Sachen Grippe also nicht. Nachrichten von einzelnen ungeklärten Todesfällen, die zeitweise mit Grippeimpfungen in Zusammenhang gebracht wurden, fördern die Skepsis. Ende 2014 waren in Italien Chargen eines verstärkten Grippevakzins für Senioren zurückgezogen worden. Laut Europäischer Arzneimittelbehörde gab es jedoch keinen kausalen Zusammenhang zwischen Todesfällen und Impfungen.

Da sich schwache und starke Grippewellen häufig abwechseln, ist in den nächsten Wochen Aufmerksamkeit angesagt. Bei der letzten schweren Saison im Winter 2012/13 starben laut RKI 20 600 Menschen an den Folgen. Deshalb gilt vor allem für Kinder und Ältere: Erkrankte meiden, sich nicht in Menschenmengen anhusten lassen - und vor allem regelmäßig Händewaschen.

Jedoch muss nicht alles, was sich in diesen Tagen wie eine Grippe anfühlt, auch eine Grippe sein. Selbst, wenn der Arzt einen "grippalen Infekt" feststellen sollte, ist es meistens "nur" eine Erkältung. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit auf Grippe höher, wenn eine Grippewelle im Umlauf ist. Bei Grippe sprechen Ärzte und Wissenschaftler oft von "Influenza".

Der Hauptunterschied zwischen Grippe und Erkältung liegt im Erreger: Eine waschechte Grippe kann nur durch Influenza-Viren ausgelöst werden, hinter einer Erkältung hingegen eine Vielzahl verschiedener Erreger. Über 100 verschiedene Viren können als Erkältungsauslöser infrage kommen. Eine "echte Grippe" erkennt man meistens an ihrem plötzlichen Auftreten: Deutliche Kopf- und Gliederschmerzen treten ebenso akut auf wie Fieber und Schwächeanfälle.

Tipps zum Grippeschutz

Die besten Tipps zum Grippenschutz sind: Abstand halten und Schal vors Gesicht, so Wolfgang Kreischer vom Hausärzteverband Berlin und Brandenburg. "Virenschleudern" lauern überall, aber besonders das Wartezimmer beim Arzt birgt ein hohes Risiko, sich dort eine Grippe einzufangen. „Da sollte man nicht lange verweilen, weil man von extrem vielen Viren bombardiert wird“, rät Kreischer. Deshalb möglichst einen Termin machen, um nicht lange warten zu müssen. Regina Kneiding, Sprecherin der Berliner Senatsgesundheitsverwaltung hat ebenfalls einen simplen, aber effektiven Tipp: "Hände waschen!"

Auch in der ausgeatmeten Luft tummeln sich Erreger. Gerade in der Grippezeit ist also jeder verdächtig - etwa 60 bis 70 Zentimeter groß sollte der Abstand schon sein. Beim Niesen reicht das nicht, betont Kreischer. Dann sind eineinhalb bis zwei Meter geboten. In Japan schützen sich viele Menschen mit einem Mundschutz vor Erregern. Wer die Grippeviren etwas weniger auffällig abwehren will, nimmt stattdessen einfach einen Schal. „Das hilft wie ein kleiner Filter“, erklärt Kreischer. (ctr/dpa)

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