Welt : "Deutsch global": Hat Sinn. Macht Sinn

Iring Fetscher

Ein elementares Englisch ist die Verkehrssprache der heutigen Welt. An dieser Tatsache kommt niemand mehr vorbei. Möglichst viele Menschen sollten diese Sprache benützen können, um im Internet zu kommunizieren, um Technik, Sport und Wirtschaft zu verstehen. Auch die Aufnahme von Worten aus dem Englischen in die deutsche Umgangssprache ist oft hilfreich und nützlich. Deshalb muss aber nicht die Fähigkeit, die deutsche Sprache zu meistern, aufgegeben werden. Im Gegenteil, für viele Lebensäußerungen, für Dichtung und Geisteswissenschaften, aber auch für die Äußerungen dessen, was wir fühlen, hoffen, befürchten, ist die Beherrschung der Muttersprache mit ihrer Fähigkeit, präzise zu differenzieren, Nuancen auszudrücken, unentbehrlich.

Umfassende Kenntnis und Fähigkeit im Umgang mit der eigenen Sprache ist ebenso wichtig wie die Kenntnis der weltweit verständlichen Verkehrssprache Englisch: Diese These sucht das vorliegende Buch von vielen Positionen aus umfassend zu begründen. Dabei nimmt die Abwehr eines oberflächlichen Anglodeutsch nur geringen Raum ein. Sie ist aber durchaus berechtigt. Dabei handelt es sich weniger um die Übernahme von Worten aus dem Englischen, die präziser als eine Eindeutschung einen bestimmten Sachverhalt ausdrücken, als um oft auch pseudoenglische Worte und Wendungen, die eine Weltläufigkeit andeuten sollen, die in Wahrheit nicht vorhanden ist. Was ein "Handy" ist, kann kein Engländer verstehen, das Wort ist ihm unbekannt, aber auch, dass jemand "gemobbt" wird, ist ihm neu. Peter Wapnewski zitiert amüsiert aus dem "Tagesspiegel" ein Beispiel, das die Kabarettistin Gayle Tufts für die neudeutsche Mischsprache "Dinglisch" gibt. Er hätte auch noch auf grammatikalische Einflüsse englischer Syntax verweisen können, die einem aufmerksamen Zeitgenossen täglich begegnen: "das war in 1958" (this happened in 1958), deutsch heißt es "das war 1958" oder "im Jahr 1958"). Oder auch: "das macht Sinn" ("this makes sense") statt "das hat Sinn". Die relative Nähe der beiden Sprachen trägt offenbar zu solchen verfälschenden Beeinflussungen bei. Die sinnwidrige Verwendung von "Flair" erwähnt auch Peter Wapnewski, das Wort wird fast nur noch zur Bezeichnung von Atmosphäre, Stimmung usw. gebraucht, bedeutet aber eigentlich "Spürsinn". Das ungemein tolerante Fremdwörterbuch des Duden lässt aber auch "Atmosphäre, Fluidum, persönliche Note" zu, man muss im Französischwörterbuch nachschlagen, um sich der eigentlichen Wortbedeutung zu versichern.

Dass Computer oder - zu Deutsch "Rechner" - zum Sprachenlernen benützt werden können, ist bekannt. Sie können aber ein lebendiges Gespräch mit einem sprachkundigen Gegenüber kaum vollgültig ersetzen. Die neuen technischen Errungenschaften sollten genutzt, aber nicht überschätzt werden. Ohne aus dem deutschen Sprachgebiet kommende Vermittler können Goethe-Institute ihre Aufgaben nicht bewältigen. Der Umgang mit den neuen technischen Mitteln muss gelernt werden, ihre Hilfe ist nützlich - aber kein Ersatz. Susanne Enderwitz, Dieter Kramer und Franz Stark beschäftigen sich mit dem Rückgang der Deutschsprachlichkeit in den Kultur- und Geisteswissenschaften - am Beispiel der einst weltweit führenden Orientalistik und bei der Nutzung des Fernsehens im Ausland.

Deutschtümelei, nein danke

Während Naturwissenschaftler und Mediziner im Interesse der intensiven Kommunikation mit der scientific community mehr und mehr gleich englisch publizieren, ist dieses Verhalten für Geisteswissenschaften nicht unbedingt sinnvoll. Es würde zweifellos genügen (und für die Differenziertheit der Texte vorteilhaft sein), wenn kurze Resümees in englischer Sprache zum deutschen Text hinzugefügt würden. Ähnlich wie bei der Zurückhaltung gegenüber einer betonten Pflege des "guten Deutsch" scheint auch hier die Furcht mitzuspielen, man könne für einen reaktionären Deutschtümler gehalten werden, wenn man eine Abhandlung deutsch schreibt. Ganz unverständlich ist aber die Zurückhaltung der öffentlichrechtlichen Sendeanstalten und der Deutschen Welle bei der Ausstrahlung deutschsprachiger Sendungen. Franz Stark, der sich auskennt, verweist auf die große Zahl von Personen, vor allem im osteuropäischen Ausland, die deutsch verstehen und gerne deutschsprachige Fernsehsendungen anschauen würden. Wenn Untertitel in den Landessprachen hinzugefügt würden, wäre das auch ein Hilfsmittel zur Bewahrung und Verbesserung von Deutschkenntnissen. Finanzielle und rechtliche Schwierigkeiten könnten - wie Stark zeigt - durchaus behoben werden. Namentlich das französische Vorbild ist hier wegweisend. Dass die Deutsche Welle ihre Sendungen nur zum Teil deutschsprachig ausstrahlt, zum anderen Teil aber Englisch und Spanisch - erscheint besonders unverständlich, wenn solche Sendungen auch nach dem europäischen Osten gelangen, wo Spanisch kaum verstanden wird, Deutsch aber weit verbreitet ist, jedenfalls bis jetzt noch.

Man kann natürlich fragen, warum möglichst viele Menschen im Zeitalter der Globalisierung deutsch sprechen oder wenigstens verstehen sollen? Ein in diesem Buch oft angedeutetes Argument lautet, dass "made in Germany" als Qualitätsauszeichnung durch entsprechende Ausstrahlung der deutschen Kultur befördert würde.

Deutschsprachigkeit ist gut für die Wirtschaft. Sie fördert aber auch die Möglichkeit auf anderen Gebieten - z. B. auf dem der Politik - Verständnis für Deutschland zu gewinnen. Unsere westlichen Nachbarn Frankreich und England treiben in diesem Sinne Kulturpolitik. Die Tatsache, dass im Osten Europas noch immer ein Reservoir an Deutschsprachigkeit existiert, das der Pflege bedarf, ist für mich am überzeugendsten. Auch wenn wir im vereinigten Deutschland das "Erbe der DDR" im Übrigen nicht gerne beschwören, auf dem Gebiet der Sprachpolitik gegenüber Osteuropa sollten wir es nicht vernachlässigen. Jedenfalls schadet es nicht, dass der gegenwärtige Präsident Russlands, Wladimir Wladimirowitsch Putin, gut Deutsch spricht.

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