Welt : Deutsche Bahn: Die wahre Konkurrenz

Markus Feldenkirchen

Die Bahn kommt - in arge Bedrängnis. Die kürzlich von Bahnchef Mehdorn präsentierten Bahnpreise der Zukunft würden im Fiasko enden, Staus vor dem Schalter seien vorprogrammiert, die Frustration der Kunden werde wachsen, kurz: Das unter Bundesbürgern allseits beliebte "Bahn-Bashing" werde sich fortsetzen, glaubt die Initiative "Bürgerbahn statt Börsenbahn" und schlägt gleich selber auf das Preissystem ein. Die Initiative, ein buntes Grüppchen aus prominenten Mehdorn-Kritikern, erhebt einen Hauptvorwurf: die Bahn kennt ihren wahren Konkurrenten nicht. Nicht der Flugverkehr, sondern das Auto sei der ärgste Feind des Zuges. "Wir müssen die Bahn gegenüber dem PKW attraktiver machen", fordert der PDS-Bahnexperte Winfried Wolf, die geplante Reform bewirke aber das Gegenteil.

Punkt Eins der Kritik: die Flexibilität. Laut Bahn-Plänen sollen künftig nur noch Visionäre erheblich günstiger fahren, Reisende also, die schon Tage im voraus einen bestimmten Zug reservieren können. "Der PKW ist dagegen jederzeit verfügbar", sagen die Kritiker. Eigentlich ein richtiger Hinweis in einer Zeit, da Freizeitpläne und Arbeitsalltag immer flexibler und spontaner werden. Umfragen der Bahn ergaben aber, dass rund 70 Prozent der Fahrgäste mindestens einen Tag vorher wissen, wann sie reisen. Fast ein Drittel bestellt zurzeit schon eine Sitzplatzreservierung, obwohl die extra kostet. "Das Verhalten der Kunden wird sich sicher umstellen", sagt Albert Schmidt, Bahnexperte der Grünen und Mitglied des Bahn-Aufsichtsrats. Die Kreis der Reformgegner kritisiert zudem den "undurchsichtigen Preisdschungel", den das neuen Rabattsystem bringe. Aufsichtsrat Schmidt gesteht, dass eine "gewisse Tüftler-Mentalität" der Kunden schon gefordert sei. Dennoch würden die Menschen schnell erkennen, welche Chancen im neuen Preissystem stecken.

Punkt zwei, die Kosten. Im Durchschnitt müssten die Reisenden künftig mindestens zehn Prozent mehr bezahlen, glauben die Bahn-Kritiker. "Völliger Blödsinn", sagt der grüne Bahnmann Schmidt. Im Aufsichtsrat habe man errechnet, dass die Bahn in den ersten zwei Jahren nach Einführung der neuen Preise weniger Geld einnehme als bisher. Von einer dreistelligen Millionensumme pro Jahr ist die Rede. Erst ab dem dritten Jahre werde sich die Umstellung für die Bahn rentieren, weil Zugfahren ja attraktiver werde und somit insgesamt mehr Kunden anlocke. Gegenwärtig gebe es, so Schmidt, eine Zwei-Klassen-Spaltung der Reisenden: in günstigfahrende Stammgäste mit Bahncard und in Gelegenheitsfahrer, für die eine lange Reise ohne Bahncard zurzeit fast unbezahlbar sei. Künftig werde dagegen für Strecken über 100 Kilometern der Grundfahrpreis gesenkt, wer eine Bahncard hat, bekomme 25 Prozent Rabatt (statt bisher 50) und wer dann noch früh bucht, spare zusätzlich. Für die Strecke Berlin-Stuttgart müsse man in Zukunft mindestens 25 Prozent weniger ausgeben als bisher, glaubt Schmidt. Genau diese Vergünstigung aber meinen die Kritiker, wenn sie der Bahn vorwerfen, das Flugzeug als alleinigen Konkurrenten zu sehen. Insgesamt führe das neue Tarifsystem daher zu weniger Schienen- und mehr Autoverkehr.

Schmidt sieht den größten Nachteil am neuen Preissystem hingegen an anderer Stelle: bei Strecken, auf denen kein Fernverkehrszug sondern nur Regionalbahnen fahren wie zwischen Berlin und Cottbus. Denn beim Regionalexpress ist keine Frühbuchung möglich, folglich sind diese Kunden von den Rabatten ausgeschlossen. "Da müssen wir nachbessern", fordert Schmidt und berichtet von positiven Gesprächen mit der Bahnführung.

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