Deutsche Einheit : Am Samstag wird das letzte DDR-Baby 20 Jahre alt

Sarah Klier ist zwei Minuten vor der Wiedervereinigung in Leipzig geboren. Heute genießt sie ihre Freiheit, sie verreist gerne und studiert seit zwei Wochen Tourismusmanagement in Wernigerode.

Lissy Kaufmann
Zwei Minuten vor der Wiedervereinigung schoss eine DDR-Pressefotografin diese Bilder von der frisch geborenen Sarah Klier. Sie war das letzte Baby der DDR und wird heute 20 Jahre alt.
Zwei Minuten vor der Wiedervereinigung schoss eine DDR-Pressefotografin diese Bilder von der frisch geborenen Sarah Klier. Sie war...Foto: dpa

Wie oft das Telefon in dieser Woche geklingelt hat – Sarah Klier hat das Zählen aufgegeben. Es ist die Woche vor ihrem Geburtstag. Die Woche, in der ihre Mutter wie jedes Jahr zur Managerin für Presseanfragen und sie selbst zum Ministar der Klatschblätter wird. „Dabei bin ich doch nur eine ganz normale 19-Jährige“, sagt sie. Doch am 2. Oktober, wird Sarah Klier 20 Jahre alt, einen Tag, genau gesagt sogar nur zwei Minuten vor dem Tag der Deutschen Einheit. Sarah Klier ist das letzte in der DDR geborene Baby.

Knapp sechs Pfund schwer und 49 Zentimeter groß wurde sie schon in ihrer ersten Lebensstunde von der Presse erwartet, damals, im Jahr 1990 in der Frauenklinik in Leipzig. Eigentlich sollte sie das erste Baby des wiedervereinigten Deutschlands werden, so dachte es zumindest die Fotografin, die auf das Baby wartete. Doch Sarah Klier war schneller, und ist darüber auch froh: Um den Titel des ersten Babys der Wiedervereinigung würde sich nämlich gestritten. Sie sei dagegen konkurrenzlos, auch wenn der Titel „Letztes DDR-Baby“ nicht amtlich bestätigt wurde, erzählt sie und lacht. Sie nimmt es nicht ganz so ernst. Noch heute meldet sich die Presse jährlich pünktlich kurz vor ihrem Geburtstag.

Sarah Klier profitiert von der Wiedervereinigung. Reisen ist ihre große Leidenschaft. „Ich bin sehr froh darüber, im vereinten Deutschland aufgewachsen zu sein“, sagt sie. Klier kann es sich nicht vorstellen, wie ihre Jugendjahre in der DDR verlaufen wären: ohne die Möglichkeit, so problemlos andere Kulturen kennenzulernen. Das Einzige, was sie heute noch am Reisen hindert, ist der kleine Studentengeldbeutel. Seit zwei Wochen studiert Sarah Klier Tourismusmanagement an der Hochschule Harz in Wernigerode. Mit ihrem Studium ebnet sie ihren Weg in die weite Welt. Doch vorerst ist sie im Osten Deutschlands geblieben. „Das war keine bewusste Entscheidung für den Osten. Ich habe eine Uni in der Nähe meines Heimatortes gesucht“, erzählt sie, „so kann ich auch mal am Wochenende schnell zur Mutti fahren.“ Die Mutter ist ihr sehr wichtig, sie reisen viel gemeinsam. Mama Klier wohnt noch immer in Borsdorf bei Leipzig, wo Sarah aufgewachsen ist.
Später aber, das kann sich Sarah Klier gut vorstellen, später wird sie weiter weg ziehen. In größere Städte, nach Hamburg oder München. Und wenn das Ausland lockt, würde sie ebenfalls nicht nein sagen. Ein Praktikum in der Dominikanischen Republik hat sie bereits hinter sich. „Das habe ich allerdings früher abgebrochen, weil die Unterbringung und auch der Rest nicht so gut waren.“

Ihre nächsten Ziele sind Mexiko, Australien oder die USA – lieber als Pauschalurlaub denn als Rucksackreise. Und da Sprachen für ihren späteren Beruf als Tourismusmanagerin wichtig sind, hat sie an der Fachhochschule parallel zum Studium begonnen, Spanisch zu lernen. Bisher wissen ihre Kommilitonen noch nicht, mit wem sie es neben sich in den Sitzreihen der Hörsäle zu tun haben. Und Sarah Klier möchte auch gar nicht, dass sich das so groß herumspricht. Die meisten Nachbarn im Hörsaal wissen nichts vom letzten Baby der DDR. Das ist ihr auch ganz recht, liebt sie doch die Ruhe. Nur die Woche vor ihrem Geburtstag und vor dem Tag der Deutschen Einheit steht ihr Leben Kopf. Dann bekommt sie Glückwünsche von wildfremden Menschen aus alle Welt über Facebook und StudiVZ. Und Sarah Klier redet sich vor Journalisten den Mund fusselig. Es sei eben eine süße Geschichte, und die erzählt Sarah Klier gern. Jedes Jahr Anfang Oktober aufs Neue. Danach erholt sie sich – sie kann ja ausschlafen, am Tag der Deutschen Einheit.

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