Deutsche Sprache : Unwort des Jahres 2009: "Betriebsratsverseucht"

Die Konkurrenz war groß: "Flüchtlingsbekämpfung", "kriegsähnliche Zustände" oder "Wachstumsbeschleunigungsgesetz". Das Wort "betriebsratsverseucht" hat die zweifelhafte Ehre, den Titel zu gewinnen.

Frankfurt/MainDas "Unwort des Jahres" 2009 heißt "betriebsratsverseucht". "Damit werden in völlig unangemessener Weise Arbeitnehmer-Interessen als Seuche dargestellt", begründete der Sprecher der sprachkritischen Jury, Horst Dieter Schlosser, am Dienstag in Frankfurt die Entscheidung. "Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen "stört" zwar viele Unternehmen, sie als "Seuche" zu bezeichnen, ist indes ein zumindest sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen." Mit dem zum "Unwort" gewählten Begriff stünden Menschen, "plötzlich da, als wären sie Aussätzige".

Ein Mitarbeiter der Baumarktkette Bauhaus (Mannheim) hatte in der ARD-TV-Sendung "Monitor" (14. Mai 2009) berichtet, das Wort werde von Abteilungsleitern des Unternehmens verwendet, wenn Kollegen aus einer Filiale mit Betriebsrat in eine ohne wechseln wollten. "Dort könnte ihm vorgehalten werden, dass sein bisheriges Vertrauen in eine Arbeitnehmervertretung die Einstellung gefährde", so die Erläuterung. Der Mitarbeiter habe seine Aussage eidesstattlich versichert. "Wir haben uns für ein Wort entschieden, dass im Gegensatz zu den "notleidenden Banken" (Unwort 2008) erst im Kommen ist. Wir wollten rechtzeitig sagen: Stopp!", erläuterte der Sprachwissenschaftler die Wahl.

Unwort des Jahres
"Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres 2013: Unter den Schlagwort lief in den vergangenen Wochen und Monaten eine Debatte um Einwanderer aus Osteuropa. Darin wurde Migranten aus Rumänien und Bulgarien pauschal der Vorwurf gemacht, Sozialleistungen in Deutschland erschleichen zu wollen. In die engere Auswahl kam auch der von der CSU eingebrachte Begriff "Armutszuwanderung".Weitere Bilder anzeigen
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Die sechsköpfige "Unwort"-Jury kritisierte zudem die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verwendete Formulierung "Flüchtlingsbekämpfung" als "dramatischen sprachlichen Fehlgriff", weil dabei eine Menschengruppe mit einem negativen und deshalb zu bekämpfenden Sachverhalt gleichgesetzt werde. Mit der Formulierung habe die Kanzlerin bei einem "Bürgerforum" der Bertelsmann-Stiftung einen Teil des deutschen Beitrags zum Migrationsproblem, der Abwehr von Flüchtlingen an Europas Grenzen, benannt. "Es ist zu hoffen, dass damit nicht tatsächlich militärische Aktionen gemeint sind."

Gerügt wurde als dritte Wortschöpfung "intelligente Wirksysteme", "weil sich hinter dieser scheinbar harmlosen Bezeichnung ausschließlich technologisch hoch entwickelte Munitionsarten verbergen". Diese würden von einem Tochterunternehmen zweier Rüstungskonzerne mit dem gleichfalls verschleiernden Firmennamen "Gesellschaft für Intelligente Wirksysteme mbH" produziert.

An der 19. Wahl zum "Unwort des Jahres" beteiligten sich 2018 Einsender. Sie machten 982 verschiedene Vorschläge. Am häufigsten wurde das "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" (183) vorgeschlagen, gefolgt von "Schweinegrippe" (79), "Schattenhaushalt" (69) und der von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden zum Wort des Jahres 2009 gewählten "Abwrackprämie" (68). Die Jury entscheidet aber nicht nach der Häufigkeit eines Vorschlags, sondern wählt ein "besonders schiefes Verhältnis zu der bezeichneten Sache", Begriffe, die verschleiern, dramatisieren oder gar die Menschenwürde verletzen.

Das Börsen-Unwort 2009 "Bad Bank" wurde zugleich in Düsseldorf verkündet. Die Begründung laut Schlosser: "Es ist für das Publikum schwer nachvollziehbar, dass eine offenbar schlechte Bank eine weitere bad (schlechte) Bank gründet und dies eine gute Lösung für Probleme der Finanzkrise sein soll."

Nach Auffassung des Frankfurter Bezirksleiters der IG Metall, Armin Schild, prangert das "Unwort des Jahres" zu Recht einen gesellschaftlichen Missstand an. Die Arbeit der betrieblichen Interessenvertretungen werde immer noch viel zu gering geschätzt. Sie seien dafür verantwortlich, dass in Deutschland mitten in der Wirtschaftskrise und trotz der starken Exportorientierung Massenentlassungen bislang verhindert werden konnten.

Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (Mannheim), Prof. Ludwig Eichinger, sagte: "Ich habe "betriebsratsverseucht" als Wort so bisher gar nicht wahrgenommen." Das Thema sei aber plausibel. Der Bundesvorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller (VS), Imre Török, nannte "die Wahl mal wieder sehr treffend". Mit dem Begriff würden Menschenrechte und -würde zutiefst verletzt. Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen in Betriebsräten sei gesetzlich geregelt und eine wesentliche Einrichtung der Demokratie. Der VS gehört der der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi an. (ae/smz/dpa)

(unwortdesjahres.org)

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