Deutscher Wein : Reife Leistung

Der deutsche Weinjahrgang 2009 bekam so viel Sonne, dass einige Winzer die Moste künstlich ansäuern.

Manfred Kriener
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Vollreif, kerngesund und sehr aromatisch. Dies ist der Eindruck, den die Trauben in diesem Herbst bei der Lese - wie hier auf...Foto: ddp

Der Weinjahrgang 2009 zeigt in den deutschen Anbaugebieten ein außergewöhnliches Profil: Frühe Lese, hohe Mostgewichte und gesunde Bilderbuchtrauben, aber niedrige Säurewerte und teilweise sogar Trockenstress. Vor allem die roten Rebsorten haben vom trockenen Spätsommer profitiert. Beim Weißwein wird die noch ausstehende Riesling-Lese in den nördlichen Anbaugebieten das endgültige Urteil über den Jahrgang sprechen. Die Erntemenge fällt in jedem Fall deutlich geringer aus und liegt um 20 bis 30 Prozent unter dem Durchschnitt früherer Jahrgänge.

Ute Dreißigacker, die Seniorchefin im gleichnamigen rheinhessischen Weingut in Bechtheim, macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube. „Bilderbuchtrauben“ hat sie im Lesegeschirr der Erntehelfer gesehen – vollreif, kerngesund und sehr aromatisch. Es könnte der beste Jahrgang in der Geschichte des Weinguts werden. Auch in den meisten anderen Anbaugebieten sind die Winzer zufrieden bis begeistert über die seit Mitte September laufende Weinlese. Es gibt wenig Fäulnis in den Weinbergen und bisher auch noch keine großen, anhaltenden Regengüsse, die das Lesegut verwässern und für Fäulnis sorgen könnten. „Wie in der Gemäldegalerie“ hingen die Trauben am Stock, sagt Lars Lander, Verkaufsleiter im Pfälzer Weingut Kuhn.

Die Euphorie über den 2009er wird allerdings in einigen Weingütern von einem skeptischen Blick auf die Säurewerte getrübt. Nach acht Wochen Trockenheit im August und September ist der Säuregehalt der Moste, der dem Wein erst seine Lebendigkeit und die gerade für deutsche Gewächse typische Spritzigkeit und Eleganz verleiht, in einigen Regionen zu niedrig. Deshalb haben die deutschen Anbauverbände im Berliner Landwirtschaftsministerium eine künstliche Ansäuerung der Moste beantragt. Die entsprechende Ausnahmeregelung ist per Eilverordnung am vergangenen Freitag in Kraft getreten.

Nach dem denkwürdigen Hitzejahrgang 2003 ist dies das zweite Mal in der Geschichte des deutschen Weinbauverbands, dass bis zu 1,5 Gramm Weinsäure je Liter zugemischt werden dürfen. Der Klimawandel zeigt also erneut seine Spuren. Allerdings werden längst nicht alle Winzer von der Ausnahmegenehmigung Gebrauch machen müssen. Denn die Säurewerte sind je nach Region und Regenhäufigkeit, nach dem Alter der Rebstöcke und nach den Bodenverhältnissen sehr unterschiedlich. Viele Betriebe dürften ohne das Pülverchen auskommen.

Bisher galt in Europa die eiserne Regel: Der Norden darf zuckern, der Süden darf säuern. Die Winzer in Südeuropa müssen in den meisten Jahren mit Weinsäure nachhelfen, um Frische in den Wein zu bringen. Die hiesigen Weinmacher dürfen dafür häufiger den Mosten vor der Gärung Zucker zugeben, um so die fehlenden Sonnenstunden auszugleichen und die Weine fülliger zu machen. Beim Jahrgang 2009 ticken die Uhren anders. Viele deutsche Winzer haben sich mit der Lese beeilen müssen, damit die Mostgewichte nicht zu hoch wurden. Nach der langen Trockenheit hat der Jahrgang ungewöhnlich reife und zuckerschwere Trauben hervorgebracht. Damit die Weine nicht zu alkoholisch werden, mussten sich die Erntehelfer beeilen. „Wir wollen keine 14 oder 15 Grad Alkohol“, sagt Frankenwinzer Paul Fürst, der schon vor dem 3. Oktober die Rotweinlese komplett beendet hatte.

Mit besten Ergebnissen: Der Bürgstädter Spitzenwinzer hat beim Spätburgunder „fast perfekte, sehr kleinbeerige Trauben“ gelesen. Sein Fazit: „Das könnte ein großer Spätburgunder-Jahrgang werden.“ Etwas kritischer sieht es in Franken beim Riesling aus, der die Wärme nicht so gut verträgt, dafür sind Weißburgunder und Silvaner bei Fürst in makelloser Qualität in die Kelter gekommen. Die Weißweine werden diesmal also cremiger und weniger rassig ausfallen.

Am weitesten fortgeschritten ist die Lese in Baden, wo die Topgüter schon Anfang Oktober rund zwei Drittel ihrer Weinberge gelesen haben – mit durchweg hohen Mostgewichten. „Wir haben eigentlich nur Spätlesen eingebracht“, sagt Wolf-Dietrich Salwey vom gleichnamigen Weingut in Oberrotweil.

Aus den nördlichen Anbaugebieten, wo die Trockenheit weniger dramatisch war, meldete Rheingau-Winzer Gunter Künstler Anfang Oktober den Beginn der Riesling-Lese mit guten Mostgewichten zwischen 90 und 100 Oechsle. Auch an der Mosel haben die Topgüter inzwischen ein Drittel der Rieslingtrauben gelesen. Bleibt es diese und nächste Woche weitgehend trocken, wird auch die wichtigste und späteste deutsche Sorte beste Resultate bringen. Säureprobleme sind im Rheingau und an Saar und Mosel kaum zu befürchten. Auch Sachsenwinzer Klaus Zimmerling freut sich über einen Spitzenjahrgang mit zwar niedriger, aber noch ausreichender Säure. „Mir sind die etwas weicheren Weine sowieso lieber.“

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