Welt : Deutsches Schiffahrtsmuseum: Beim Klabautermann in Bremerhaven an Bord

Jörn Hasselmann

2000 unansehnliche, schwarzvergammelte Holzstückchen bildeten einst den Grundstock des Deutschen Schiffahrtsmuseums in Bremerhaven. Und doch waren sie der ganze Stolz der Bremer und letztlich auch Anlass, ein nationales Museum für die Seefahrt zu gründen. Denn den Fachleuten war schnell klar gewesen, dass die schwarzen Planken, die unvermutet 1962 aus dem Schlick der Weser auftauchten, eine Sensation waren. Erstmals war eine Hanse-Kogge gefunden worden, der Schiffstyp also, der vom 12. bis 14. Jahrhundert Ostsee und Nordsee beherrschte. Die Kogge gehört heute zu den vier wichtigsten und besterhaltenen Schiffsfunden Europas, gleichbedeutend mit der "Wasa" aus Stockholm, der "Mary Rose" in Portsmouth und den Wikingerbooten im dänischen Roskilde. Doch wohin mit der Sensation aus der Weser? Das Bremer Heimatmuseum schien nicht der rechte Platz dafür, ein Haus für die Seefahrt fehlte. Mutige Menschen gründeten deshalb ein neues Museum, am 5. September feiert das "DSM" nun seinen 25. Geburtstag. Mit dem jüngst eröffneten Anbau ist es nun das Schifffahrtsmuseum in Deutschland.

Zehn Jahre hatten Experten die 2000 Stücke der Kogge zusammengesetzt, danach verschwand das fertige Puzzle für 19 Jahre in Konservierungsbädern. Denn nach einigen hundert Jahren im Weserwasser wäre das Holz ohne diese Tränkung mit Chemikalien schnell an der Luft zerfallen.

Der Fund beflügelte die Forschung. Heute weiß man, dass die Kogge 1380 gebaut wurde, und zwar auf einer Werft an der Weser. Denn aus diesem Jahr ist das Eichenholz aus Wäldern an der Oberweser, das ergab die Dendrochronologie. Da Eichenholz wertvoll war, gehen Experten davon aus, dass die Baumstämme nach dem Fällen nicht mehr lange gelagert worden sind. Obwohl es keine schriftlichen Quellen vom Untergang gibt, weiß man heute auch, dass die Kogge noch vor ihrer ersten Fahrt bei schlechtem Wetter von der Werft gerissen worden war, noch ohne Mast und ohne Ruder.

Auch die Geschichte des Schiffsklos musste nach der Bergung neu geschrieben werden. Denn schon 1380 gab es ein Plumpsklo Richtung außenbords auf der Kogge, vermutlich nur für Offiziere; weit früher also als bislang angenommen. 30 Millionen Mark hat die Bergung und Konservierung der Kogge in den 38 Jahren seit ihrer Entdeckung gekostet, kein verlorenes Geld, wie DSM-Experte Hans-Walter Keweloh findet: "600 Jahre haben wir gewartet zu wissen, wie eine Kogge aussieht. Und nun hält die Kogge 600 Jahre für die Nachwelt." Seit Mai dieses Jahres ist die Kogge befreit von allen Bädern und steht, aus den 2000 Teilen zusammengefügt, frei im Museumsbau, der im übrigen wie die Berliner Philharmonie von Scharoun entworfen wurde.

Natürlich gibt es die Kogge auch im Maßstab 1 zu 10, insgesamt hat das Museum 500 Modellschiffe zusammengetragen. Am beliebtesten, vor allem bei Kindern, sind natürlich die schwimmenden. Im "Mini-Port" im Keller des Museums kann jeder einmal Kapitän spielen, die Funkfernsteuerung macht es möglich. In dem 80-Quadratmeter-Bassin mit Schleppern, Seebäderschiffen und Kümos (das ist die an der Küste übliche Kurzform für "Küstenmotorschiff"), lassen sich nicht nur An- und Ablegemanöver simulieren, beliebter ist das Fahren auf Kollisionskurs. Wird allerdings zu offensiv Schiffe versenken gespielt, schreitet der Museumswärter ein.

Eine Etage weiter oben wird die Geschichte der Seenotretter gezeigt. Denn die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) hat in der Nachbarstadt Bremen ihre Zentrale. Unzählige Seeleute wurden seit 1865 von der ausschließlich durch Spenden finanzierten Gesellschaft gerettet; einst mit Ruderbooten, die auf einem Strandrettungswagen von Pferden in die Nähe der Unglücksstelle gezogen wurden. Heute sind an den wichtigsten Punkten von Nord- und Ostsee die schnellen Seenotkreuzer stationiert, ein Film zeigt die harte Arbeit der Seenotretter, die immer dann raus müssen, wenn alle anderen den Schutz des Hafens suchen.

Endgültig vor Anker gegangen sind im museumseigenen Hafen mittlerweile ein Dutzend Schiffe, darunter der Frachtsegler "Seute Deern", der Bergungsschlepper "Seefalke" und das Feuerschiff "Elbe 3". Viele lassen sich auch von innen besichtigen. Im Laderaum der Seute Deern lässt sich zum Schluss der Hunger mit frischem Fisch stillen, dort ist das Restaurant des Museums.

Mit ganz anderen Augen sehen viele Besucher die "Wilhelm Bauer", ein deutsches U-Boot aus dem 2. Weltkrieg. Nach dem Drama in der Barentssee mit der "Kursk" läuft vielen Besuchern ein kalter Schauder über den Rücken, wenn sie erleben, wie eng und stickig es in Unterseebooten ist. Trotz dieses einen Kriegsschiffes steht im Bremerhavener Schifffahrtsmuseum jedoch die christliche Seefahrt, also die Handelsmarine im Vordergrund. Vor der Tür des Museums wacht deshalb ein Klabautermann aus Stein.

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