Welt : Deutschfaschistische Literatur: Das antiliterarische Prinzip

Erdmut Wizisla

Als Brechts Wohnung Ende der siebziger Jahre öffentlich zugänglich wurde, geschah es häufiger, dass Besucher einander verstohlen auf Naziliteratur in den Regalen aufmerksam machten: Alfred Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts", "Horst Wessel" von Hanns Heinz Ewers oder "Bilder aus dem Leben des Führers". So gründlich war die Tabuierung dieses Schrifttums in der DDR, dass schon die Existenz einzelner Bücher irritieren konnte. Die Annahme jedoch, die Verfolgung dieser Ideologie habe gegriffen, erwies sich, wie man weiß, als trügerisch. Günter Hartung, einer der scharfsinnigsten Köpfe, den die DDR-Germanistik hervorgebracht hat, hielt den Verzicht auf die Auseinandersetzung schon damals für verhängnisvoll. Er teilte die Ansicht Brechts, eine Ideologie könne man nur zertrümmern, wenn man sie gründlich studiert habe.

In seinen Forschungen zur Literatur und Ästhetik des deutschen Faschismus, mit denen jetzt eine fünfbändige Ausgabe von Aufsätzen und Vorträgen beginnt, verfolgt Hartung die Frage, in welchem Maß die faschistische Bewegung durch künstlerische Literatur gefördert worden ist. Denn der Attraktivitätsgewinn durch Künstler war enorm, auch wenn Hitler in "Mein Kampf" der Kunst eine untergeordnete Rolle zugewiesen hatte: "Schicksalsfragen von der Bedeutung des Existenzkampfes eines Volkes heben jede Verpflichtung zur Schönheit auf."

Aus der Vorgeschichte des deutschen Faschismus untersucht Hartung den Einfluss des Wagnerianers Houston Stewart Chamberlain, der für die "Suche nach übernehmbaren Kulturtraditionen starke Anstöße gegeben hat". Einzelanalysen befassen sich mit Hitler-Reden, mit "Volk ohne Raum" von Hans Grimm, mit Texten von Theodor Fritsch oder Artur Dinter. Die Elaborate des letzteren sind dabei besonders unappetitliche Beispiele. Den Roman "Sünde wider das Blut" bezeichnete Thomas Mann der "Mischung von Halbwahrheit und hetzerischer Verfälschung" wegen als "geistige Gefahr".

Hartung fühlt sich Victor Klemperers Klassiker "LTI" verpflichtet. Das zeigt seine meisterhafte Analyse nationalsozialistischer Kampflieder wie "Deutschland, erwache!" von Dietrich Eckart oder "Und heute gehört uns Deutschland" von Hans Baumann, auch heute noch der Inbegriff des deutsch-faschistischen Liedes. Sinnfällig ist die Interpretation von Textvarianten wie der verlogenen Retusche der Baumann-Hymne zu "Und heute, da hört uns Deutschland". Zwischen "gehören" und "hören" verlief nach Klemperer der "Grenzstrich im nazistischen Selbstbewusstsein", der Ausfall dieser einen Silbe bedeute Stalingrad.

In der Aufspaltung eines widersprüchlichen Ganzen in negative und positive Polaritäten zum Zwecke des gewaltsamen Zugriffs erkennt Hartung ein Denkschema faschistischer Ideologie. Diese Kapitulation vor der Realität musste durch die Herrschaft über das Wort kompensiert werden. "Die Nazidiktatur bevorzugte und züchtete einen illiteraten Menschentyp, weil ihr bereits die zivilisatorischen Kräfte, die im artikulierten Wort wohnen, eine Gefahr bedeuteten."

Hartungs Methode ist ideologiekritisch. Er begegnet seinem Material nicht mit vorgefassten Meinungen, sondern analysiert es als sprachliches Produkt, um die jeweilige Wirkungsabsicht zu vergegenwärtigen. Mit Aversion ist menschenfeindlicher Ideologie nicht beizukommen; Hartung setzt auf rationale Methoden, die das irrationale Gestrüpp lichten. Seine Untersuchungen sind notwendige Ergänzungen und Vertiefungen aktueller Debatten.

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