Deutschland drumherum (27) : Irrläufer und Grenzgänger

Beim Wandern einmal um Deutschland herum kann man sich schon mal verlaufen. Selbst unser Kolumnist Helmut Schümann. Doch nur so trifft man auf heimlich rauchende Jugendliche und ostdeutsche LKW-Fahrer im badischen Exil.

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Das ist Taxifahrer Harry Kaiser, "Kaiser, wie der alte Kaiser und Harry mit zwei rrr und Yypsilon am Ende".
Das ist Taxifahrer Harry Kaiser, "Kaiser, wie der alte Kaiser und Harry mit zwei rrr und Yypsilon am Ende".Foto: dpa

Der Begegnung mit Harry Kaiser, „Kaiser, wie der alte Kaiser und Harry mit zwei rrr und Yypsilon am Ende“, war ein Irrtum voran gegangen. Ich hatte mich verlaufen. Der Tag war als Ruhetag geplant, Entspannung nach der langen Wanderung von Basel nach Mulhouse. Gegen Mittag waren alle Texte geschrieben, ein Spaziergang nach Breisach auf die andere Seite des Rheins könnte nicht schaden. Breisach am Rhein ist von Neuf-Brisach drei, vier Kilometer entfernt. Die Sonne strahlte vom Himmel, es würden 28 Grad werden, herrlich nach den Regentagen, mal keinen Rucksack auf dem Rücken, ein kurzes Hemd, die frisch gewaschene Wanderhose, dummerweise nicht die, bei der man die Unterschenkel abnehmen kann, keine Wanderschuhe, sondern die Espadrilles, die für die Abende im Gepäck sind und bislang kaum gebraucht wurden.

Ich verlaufe mich gerne. Verirren ist gut gegen statische Planung. Verirrungen landen meistens bei überraschenden Türen hinter denen sich überraschende Begegnungen und Erlebnisse finden. Eine Karte hatte ich nicht dabei. Wozu auch? Drei bis vier Kilometer Richtung Osten, da wird der Rhein schon kommen, zumal der Weg für Fahrradfahrer gut ausgeschildert war.

Deutschland drumherum - Helmut Schümann umreist die Republik
Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.Weitere Bilder anzeigen
1 von 101Foto: Helmut Schümann
30.06.2013 22:55Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.

Ich hätte stutzig werden müssen, als mir ein Fahrradgespann entgegenkam, ein einzelnes Fahrrad, auf dessen Lenker ein Junge saß, vielleicht 14 Jahre alt, dunkelhäutig, und dass angetrieben wurde von einem etwa gleichaltrigen weißhäutigen Junge. Das hatte etwas von „Ziemlich beste Freunde“, dem wunderbaren Film. Stutzig hätte ich werden müssen, als der Junge auf der Lenkstange seine Zigarette eiligst in der Hand verbarg, als wir uns näher kamen. Dass man mich als militanten Nichtraucher betrachtet, der möglicherweise in der Lage ist, zu früh rauchende Jugendliche vom Rad zu schubsen, ist definitiv eine überraschende Erfahrung. Überraschende Erfahrungen, siehe oben, gleich Irrweg, gleich Verlaufen.

Ich lief weiter. Inzwischen sagt mir mein Zeitgefühl, was drei, vier Kilometer sind. Mein Zeitgefühl sagte mir, dass ich jetzt ungefähr bei Kilometer Zehn angelangt war.

Kurz vor Artzenheim machte mir ein Mann in einem Kiosk eine Skizze, wie ich zum Rhein komme.  Er malte auf, wo ich mich befinde, malte ein paar Straßen dazu, einige Kreisverkehre, ein Gleis,  das ich zu überschreiten hätte, dann käme ich irgendwann zum Rhein. Er teilte mir aber nicht mit, dass zwischen den Kreisverkehren etwa fünf Kilometer liegen, es waren drei Kreisverkehre, und bis ich an den ersten kam, verging eine Dreiviertelstunde. Mein Zeitgefühl sagt mir, dass das etwa nach vier, fünf Kilometern war.

Um es abzukürzen. Ich erreichte irgendwann den Rhein, ich überquerte ihn auf der Brücke nach Breisach, ich hatte die Nase voll. Im wunderhübschen Hofgarten des Hotels zur Post beschloss ich den Frevel eines Wanderers, ich beschloss, mit dem Taxi die drei bis vier Kilometer nach Neuf-Brisach zurückzufahren. So lernte ich Harry Kaiser kennen. „Kaiser, wie der alte Kaiser und Harry mit zwei rrr und Ypsilon am Ende.“

Harry ist Taxifahrer im Ort und unüberhörbar nicht aus Baden. „Ich bin Ossi“, sagte Harry.

„Und woher“, fragte ich.

„Na ja, aus Ostdeutschland“, sagte Harry, „damals nannte man das die DDR.“

„Das habe ich schon verstanden“, sagte ich, „aber woher?“

„Aus der Gegend um Dessau“, sagte Harry, „ich bin damals LKW gefahren, aber, bevor du fragst, nur im Brudergebiet, ich hatte keine Ausreisegenehmigung, die hatten nur die“, Harry klappte den Kragen seines Hemdes um.

„Parteimitglieder“, fragte ich.

„Ja, ja“, sagte Harry, „ich war keins.“

Nachdem ich gefragt hatte, was ihn in den Schwarzwald nach Breisach am Rhein getrieben habe, sagte Harry: „Kurz vor der Wende, als die Mauer auf wahr, war ja klar, dass das  mit uns nichts mehr wird, da sind wir rüber gegangen, und ich habe hier sofort Arbeit gefunden, auch als LKW-Fahrer. 24 Jahre bin ich schon hier.“

„Und“, fragte ich, „eingewöhnt?“

„Geht so“, sagte Harry, „ich verstehe deren Sprache nicht, hier sowieso nicht“, wir hatten inzwischen den Rhein überquert und waren in Frankreich, „aber da hinten auch nicht“, er zeigte mit dem Daumen zurück auf Deutschland, „die lassen niemand an sich ran.“

Harry ist jetzt Rentner. „Ich fahre Taxi nur nebenbei“, sagte er. Und als ich ausstieg und um ein Foto bat und leichtfertig sagte, dass er es doch gut getroffen habe mit dieser wunderbaren Landschaft und dem meist herrlichem Wetter, sagte Harry ohne spezielle Frage, „ich hatte doch alles, ich hatte in der DDR Arbeit, ein Haus, ein Auto und überall gab es Urlaubscamps, richtige Villen waren das, da konnten wir hin. Ich musste mich um nichts kümmern, heute um alles.“

Ich machte das Foto.

„Aber ist es jetzt so schlecht“, fragte ich Harry, als wir in der Sonne von Neuf-Brisach vor seinem Taxi standen.

„Heute“, sagte Harry Kaiser, Kaiser wie der alte Kaiser und Harry mit zwei rrr und Ypsilon am Ende, „heute ist alles verloren.“

Mir fiel der Fremdenlegionär ein, den ich in am Anfang in Polen, in Krajnik Dolny, kennen gelernt hatte und dessen Leben mir so fremd war.

Harry ist auch Grenzgänger, so wie der Legionär. Ich begreife sie beide nicht.    

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