Deutschland drumherum (39) : Auf Hotelsuche in den Niederlanden

Helmut Schümann sucht bei seiner Deutschland-Umwanderung ein Hotel in den Niederlanden - ganze ohne funktionstüchtiges Smartphone. Dabei stößt er auf zwei kommunikationsfreudige Niederländer, die Angela Merkel ein neues Kostüm spendieren wollen.

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Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken. Foto: privat
Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.Foto: privat

Es ist wenig erbaulich, wenn man nach langem Weg am späten Nachmittag zum Beispiel in Enschede einläuft, noch keine Bleibe hat, ein Verzeichnis möglicher Unterkünfte nicht vorliegt, die Touristik-Information geschlossen hat und der verbleibende Akku-Stand des iPhones eine 0 anzeigt. Dann läuft man die Straßen ab, sucht einen Hinweis nach einem Zimmer, ein Hotel-Schild, fragt Passanten, die, wenn man welche trifft, in der Regel nicht wissen, wo sich in ihrer schönen Stadt eine Unterkunft findet. Dann wäre ein aufgeladenes iPhone hilfreich.

Bevor mir nun erklärt wird, dass auch in der Vor-Handy-Zeit schon gewandert wurde, bekenne ich lieber gleich, dass ich ein Weichei bin, ein degenerierter Städter, der nicht einmal am Stand der Sonne am wolkenverhangenen Himmel ein Hotel orten kann. Ich weiß, dass das früheren Wandersleuten möglich war, wenn sie denn überhaupt so verzärtelt waren, ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu bevorzugen, damals, als die Wandersleute nicht einmal Geld für Schuhe hatten und stattdessen barfuß durch Schnee und Kälte stapften. Und noch vor dieser Zeit, lange vor dieser Zeit, schreckte auch niemand die Nord- und Ostsee, damals lief man einfach über Wasser, barfuß, allenfalls in dünnen Ledersandalen.

Deutschland drumherum - Helmut Schümann umreist die Republik
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1 von 101Foto: Helmut Schümann
30.06.2013 22:55Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.

Ich aber bin ja kaum durch Holland gelaufen, sondern durch die Niederlande. Durch Limburg, Gelderland, so was eben, aber immer gleich von Holland sprechen, wenn ich doch eigentlich die Niederländer meine. Ich hatte mich dummerweise vom niederländischen Sprachgebrauch leiten lassen und von den Niederländern selbst, die immer dann, wenn es niederländische Sportler aufzumuntern gibt, was in einer bestimmten Sportart oft der Fall ist, stets „Hup, Holland, hup“ anstimmen, obwohl die von weiß Gott woher stammen. Und weiß man, woher der fliegende Holländer wirklich stammte?

Aber jetzt bin ich vom Weg abgekommen, erzählen will ich nämlich, wie ich Nout Klaassen und Jan Dejkman kennen lernte. Akku leer, Kneipe voll, ich fragte den Wirt, ob ich ein wenig Strom haben könne, bestellte ein Bier dazu, und weil die Steckdose in meinem Rücken oberhalb des Kopfes angebracht ist, muss es so ausgesehen haben, als lade ich kein Handy auf, sondern den ganzen Mann. Zwei Männer am Tresen, eben Nout und Jan, sahen das und lachten. So kamen wir ins Gespräch. Niederländer, in diesem Fall Overijsseler, sind  kommunikationsfreudige Wesen.

 Nout ist Jurist, stark ergraut, und als er mich bat, sein Alter zu schätzen und ich ihn auf Ende Sechzig, Anfang Siebzig taxierte, drehte er sich belustigt in die Runde seiner Freunde und sagte auf Deutsch: „Jetzt macht der Deutsche doch Ärger.“ So alt sei er noch nicht, 45 war ich noch in Deutschland, also nicht ich, sondern mein Vater. Und als der zurück kam, hat es nicht lange gedauert, bis ich gezeugt wurde.“ 66 sei er, „und  eurer Angela würde ich mal ein neues Kostüm empfehlen, ich spendiere es auch.“ Vorerst spendierte Nout eine Runde Bier.

Jan war Lehrer, ist 65 Jahre alt und gerade vor ein paar Wochen in Rente gegangen, „was einerseits ein Segen ist, weil ich jetzt mit meinen Freunden zusammen sitzen und Bier trinken kann, und andererseits ein Fluch, weil ich so viel Zeit habe, um viel zu viel Bier zu trinken.“ Ich orderte eine Runde.

„Oh, Spesen“, sagte Nout.

„Von wegen Spesen“, sagte ich, „die Zeiten sind auch bei uns nicht üppig.“

„Ihr Armen“, sagte Nout, „mein Vater sagte nach dem Krieg, dass er nichts gegen die Deutschen habe, er sagte, dass er jedem Deutschen, der herkomme fünf Mark schenke, damit sie nicht so lange bleiben, wie beim letzten Mal.“ Womit das Thema am Tresen war, aber nicht böse, nicht feindlich, nicht misstrauisch, wir waren längst per Du. Nout sagte noch, dass er viel in Deutschland gearbeitet habe, dass er nicht den Eindruck habe, dass die Deutschen von heute irgendetwas mit den Deutschen von damals gemein hätten, und bei uns nimmt den Geert Wilders doch auch niemand mehr ernst.“

„Stimmt“, sagte Jan, der Lehrer, „aber der und andere haben etwas geschafft, die haben etwas in Holland“, „in den Niederlanden“, warf ich dazwischen, Jan lachte, „zerstört. Die haben zerstört, dass viele nicht mehr drüber nachdenken, wie es zu solchen furchtbaren Sachen kommen konnte wie totgeprügelte Fußball-Schiedsrichter und ermordete Filmemacher. Die da jetzt bei uns leben, die solche Verbrechen begangen haben, diese Muslime, sind die Ungebildetesten der Ungebildetesten, die sollen hier Toleranz und Gleichberechtigung leben und wissen nicht mal in ihrer Muttersprache, was das überhaupt ist. Dann rennen sie zu irgendeinem Imam, der ihnen das Schwarze vom Himmel lügt, und wir haben dem nichts entgegen zu setzen gehabt, außer mit dem Finger auf diese Leute zu zeigen.“ Jan zog an seiner Pfeife (in einer Kneipe!) und zog sich zum Spielautomaten zurück. Nout sagte, dass Jan der ehrlichste Mensch sei, den er kenne „er leidet ein bisschen im Moment, mehr über sein Rentnerdasein, als über die Verhältnisse. Das wird vergehen und dann wird Jan auch wieder das Leben leben, das er immer gelebt hat, und das ist eins, dass kein Misstrauen kennt.“

Es geht jetzt weiter in Richtung Küste, in Richtung Dänemark und in Richtung Ziel. Schön ist es, mal wieder in den Niederlanden, im wahrscheinlich immer noch liberalsten Land der Welt zu sein. Nur den Genever, den Nout mir hinstellte, als ich gesagt habe, nicht mehr einen so großen Pott Bier zu wollen, den hätte es nicht gebraucht. Trotzdem: Dank je well.

Das Hotel übrigens, das fand sich dann zweihundert Meter weiter.

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