Deutschland drumherum (4) : Polnische Gastfreundschaft ohne Grenzen

Abendessen, Bier und mehrere Runden Vodka für insgesamt drei Euro, eine kostenlose Heimfahrt und eine geliehene Wanderkarte mit Bitte um Rücksendung. Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken und erzählt von seiner Reise.

von
Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.
Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.Foto: privat

Es gibt noch zwei Geschichten zu erzählen aus Widuchowa. Dem Ort in Polen, an dem ich vorgestern ziemlich fertig ankam. Nach 37 Kilometern zu Fuß darf man fertig sein. Ich hatte mein Zimmer gebucht und als ich einigermaßen wieder laufen konnte, kam ich im „Przystan Pod Lipami“, der einzigen Gaststätte des Ortes, an. Möglicherweise sah ich kaputt aus, noch bevor ich bestellen konnte, stellte mir Valdek einen Teller hin, Brot, eine eingelegte Gurke, ein gegrilltes Rippchen. „Musst du viel essen“, sagte er. Die alte Dame, die bei ihm am Tisch saß, war, wie ich später erfuhr, seine Schwiegermutter. Ich aß. Ich wollte bestellen. Aber es war Fest an dem Tag in Widuchowa. Ich konnte wählen zwischen gegrilltem Fleisch mit gegrillten Kartoffeln und Salat und gegrilltem Fleisch mit gegrillten Kartoffeln ohne Salat. Und ein Bier, Pivo, sagt man hier dazu.

Valdek kam vom Nebentisch herüber und stellte mir einen Wodka hin und eine Tasse „Most“ wie er sagte, irgendein alkoholfreier Ansatz mit Kirschen. „Musst du viel trinken“, sagte er. Das Essen kam. Es war üppig und reichlich. Als ich aufgegessen hatte, setzte ich mich zu Valdek und seiner Schwiegermutter an den Tisch. Valdek erzählte in sehr schlechtem Deutsch, aber viel besser als mein Polnisch, dass er in Greifswald arbeitet und in Bremerhaven, Schweißer sei er. Ich konnte nachvollziehen, dass er es blöd findet, wenn die polnischen Arbeiter in Deutschland deutsch lernen müssen, die deutschen Arbeiter in Polen, und davon gibt es eine Menge, aber nicht polnisch.

Bogdan, Wirt in einer Kneipe in Widuchowa, hat sich zwar den Arm verletzt. Seine Fröhlichkeit hat er jedoch nicht verloren - und lädt großzügigst zum Wodkatrinken ein.
Bogdan, Wirt in einer Kneipe in Widuchowa, hat sich zwar den Arm verletzt. Seine Fröhlichkeit hat er jedoch nicht verloren - und...Foto: Helmut Schümann

Bogdan setze sich zu uns an den Tisch, Bogdan, der Wirt, der den rechten Arm in einer Schlinge trug, und sich kaputt lachte, als er meine Frage nach dem Grund der Verletzung aus dem Winter verstanden hatte. Ich hatte gefragt, ob er auf Eis ausgerutscht sei, Bogdan lachte und sagte „ja, auf Eis im Wodka.“ Dann gab es Wodka. Reichlich. Und als ich zu verstehen gab, dass es mir an Wodka reiche, telefonierte Valdek kurz. Ein paar Minuten später stand seine Frau vor dem Lokal, mit Valdeks Sohn aus erster Ehe. Er stellte mir beide vor. Dann sagte er, dass sie mich nach Hause fahren würden. Ich wollte zahlen. Bogdan sagte, dass es drei Euro mache. Ich sagte, dass ich ein Abendessen hatte, ein Bier und außerdem hatte ich gesagt, dass ein paar Wodkarunden auf mich gegangen seien. Bogdan sagte: „Drei Euro, heute ist Fest.“

Valdeks Frau fuhr. Michail, Valdeks Sohn, saß neben mir im Rückraum. Und als wir nach zwei Kilometern bei meinem Bed & Breakfast ankamen, verabschiedeten sich Valdeks Frau und Valdeks Sohn höflich von mir. Valdek stieg aus. Ich meine, der Mann weiß nichts von mir, er weiß, wie ich heiße, er weiß, was ich hier mache, er hält mich deswegen, wie er sagte, für verrückt, dann umarmte mich Valdek.

Die andere Geschichte ist schneller erzählt. Agnieszka und Zbigniew Madej, die Wirte des Zimmers, hörten am nächsten Morgen beim Frühstück genau zu. Ich hatte erzählt, welche Probleme ich mit dem defekten Navi habe, dass es keine Karten zu kaufen gäbe, ich hatte aber nicht gejammert. Als ich zahlen wollte für die Nacht und das überreiche Frühstück, drückten sie mir eine Wanderkarte aus der Region in die Hand. Und einen Briefumschlag mit der Bitte, die Karte zurückzusenden, wenn ich sie nicht mehr brauche. Der Briefumschlag war frankiert.

Deutschland drumherum - Helmut Schümann umreist die Republik
Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.Weitere Bilder anzeigen
1 von 101Foto: Helmut Schümann
30.06.2013 22:55Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben