Deutschland drumherum (9) : „Das Feindbild ist Europa“

Tagesspiegel-Autor Helmut Schümann reist durch Tschechien und berichtet hier auf tagesspiegel.de über seine Erfahrungen. In seinem neunten Beitrag erzählt er von einer Begegnung im Ort Kadan und warum die Tschechen mittlerweile Europa als Feindbild verinnerlicht haben.

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Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.
Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.Foto: privat

„Ja, übel gelaunt sind sie hier“, sagte Veronika Klimova, „meckern über alles, schimpfen auf jeden, alles ist schlecht.“ Und wir Deutschen, da ein paar Kilometer weiter westlich? Wie steht's in Tschechien um die Deutschen? „Deutschland ist nicht das Feindbild“, sagt Veronika Klimova, „das Feindbild ist Europa.“

Sie sagt das in perfektem Deutsch, sie ist so gut, dass sie sogar das wahrscheinlich wenig gebräuchliche Wort Hexenschuss kennt und mitleidig lächelt. Irgendwo im Dauerregen zwischen Krupka, Dubin, Hrob, Osek und Litvinow muss sie mir aufgelauert haben, diese böse, böhmische Hexe, und mir in den Rücken geschossen haben. Auf besonders perfide Weise, weil sie ihr brutales Treiben erst in der Nacht begann, mitten in meinem Schlaf, dann aber besonders ausgiebig. Als ob die Gegend, durch die ich lief,  nicht schon finster und hoffnungslos und trostlos genug ist. Abgewrackt, aufgegeben, und wenn tatsächlich mal ein Mensch durch ein Fenster auf den einsamen Wanderer im Regen schaute, dann war der Blick nicht freundlich, aber auch nicht misstrauisch, sondern leer. Der Busfahrer, der mich kurz vor einer Haltestelle kurz vor Litvinow überholte, den ich entern wollte und hinterherlief der sah mich im Rückspiegel, ich sah ihn. Er grinste nicht hämisch, er zeigte keinen Gesichtsausdruck, er fuhr einfach los, als ich auf Höhe des Hecks angekommen kam.

„Das passt“, sagt Veronika Klimova, „das ist die Gleichgültigkeit, alles und allem gegenüber.“

Kadan. Denkmalgeschützte Gotik, fein herausgeputzte Fassaden, ein paar Restaurants, Straßen-Cafés, einen vietnamesischen Imbiss, in dem es vietnamesische Küche gibt, böhmische und in dem sich ein Döner-Spieß dreht, ein paar Läden für allerlei und, wichtig, weil hilfreich am nächsten Morgen beim Kampf gegen die Hexe, eine Apotheke.

Deutschland drumherum - Helmut Schümann umreist die Republik
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1 von 101Foto: Helmut Schümann
30.06.2013 22:55Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.

„Kadan ist die Ausnahme, sagt Veronika Klimova, „das Pflegekind der Großindustrie um uns herum, das Kraftwerk, die Kohlegruben, die stecken viel Geld in die Stadt und europäische Gelder gibt es auch.“

Wir sitzen in der Jana Svermy, einer kleinen Fußgängerzone in Kadan, die Wolken haben genug über mir ausgespuckt, der Himmel ist blau und die Tristesse verschwunden. Frau Klimova hat Jahrzehnte als Dolmetscherin gearbeitet, hat nebenbei eine Bäckerei begründet und aufgebaut. Und als sie so gut lief, dass sie gewinnbringend verkauft werden konnte, hat Frau Klimova die kleine „Penzion U Johanky“ eröffnet und das dazugehörige Café verpachtet. Zudem betreibt sie noch einen Bauernhof, mit Kühen und Schafen, 43 Hektar. Zwei erwachsene Kinder hat sie, 55 Jahre alt ist sie. Man kann also sagen, dass Veronika Klimova durchaus umtriebig ist, während wir uns unterhalten, gibt sie zwei Handwerkern Anweisungen, die Fassade soll neu gestrichen werden. Nur Hoffnung, Hoffnung für Tschechien, die hat sie nicht. „Mehr als die Hälfte der Älteren, der über 50, wünscht sich die alten Verhältnisse des Kommunismus zurück, da hatten sie ihrer Arbeit, hatten ihre Ordnung und mussten vor allen Dingen nicht selbst denken und entscheiden.“ Und die Jungen, die hätten jegliche Werte verloren, strebten materialistische Dinge an, hätten aber keine Arbeit, um die 20 Prozent liegt die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen, und wenn sie Arbeit haben, wie die Kellnerinnen, die uns hier bedienen, dann arbeiten sie für 2, 3 Euro die Stunde. „Frustration, weil sie sie sich nicht leisten können, was sie haben wollen.“ Ist das schon die böse Hexe, die mir einflüstert, dass mir das bekannt vorkommt, mindestens aus der Nachwendezeit im deutschen Osten? Nicht nur damals, flüstert die Hexe, auch heute noch.

Deutschland? „Austausch findet nicht statt“, sagt Veronika Klimova, „es gibt immer noch historische Ressentiments, und die werden von der Regierung genauso geschürt, wie die Angst und der Hass auf Europa. Sie sagt noch, dass es ein wenig „Biertourismus“ gebe. Das meint den Tourismus, der aus Sachsen herüberkommt, hier gut und preiswert speist, und sehr gut und sehr billig tschechisches Bier trinkt. Die Halbe kostet zwischen 20 und 30 Kronen, 100 Kronen sind etwas weniger als vier Euro. Und umgekehrt? Fahren Tschechen mal kurz über die grüne Grenze. „Die Milch, die Sie in ihrem Kaffee haben, ist aus Deutschland, der Kaffee, in den Sie die Milch geschüttet haben auch. Und wenn Sie noch eine Torte haben wollen, die ist auch aus Deutschland.“ Denn in Deutschland seien die Lebensmittel inzwischen viel billiger. „Hier fahren nahezu alle rüber und kaufen bei Aldi“. Wogegen ja im Prinzip nichts einzuwenden ist, Biertourismus in Böhmen und Shopping-Tour in Sachsen. „“Nein“, sagt Veronika Klimova, „aber wie dumm ist es denn, Europa zu verdammen und den Euro zu verteufeln?“

 

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