Welt : Deutschland, hilf

Die Eltern der entführten Madeleine kommen heute nach Berlin – sie reden mit Wowereit und der Presse

Sarah Kramer[Daniela Martens],Andreas Klinger

Berlin/Lissabon - Bei ihrer großangelegten Tour durch zahlreiche Länder wollen die Eltern der in Portugal entführten Madeleine heute in Berlin die deutsche Öffentlichkeit mobilisieren. Kate und Gerry McCann erhoffen sich Hinweise durch Deutsche, die an der Algarve möglicherweise Beobachtungen gemacht haben, die helfen könnten. So könnten etwa zufällig geschossene Aufnahmen Hinweise ergeben. Das Mädchen war am 3. Mai aus einer Ferienanlage im Ferienort Praia da Luz an der Algarve entführt worden. Seither reisen die Eltern – von professionellen Medienexperten betreut – umher und bitten die Welt um Hilfe.

Der Regierende Bürgermeister Wowereit will das Ehepaar in Berlin empfangen. Bundesjustizministerin Zypries wird sich nicht persönlich mit ihm treffen, sie hat damit Staatssekretär Lutz Diwell beauftragt.

Die Eltern des vermissten Kindes hätten, vermittelt über die britische Botschaft, bei Wowereit nachgefragt, sagte Senatssprecher Michael Donnermeyer. Wowereit habe sich daraufhin bereit erklärt, eine gemeinsame Pressekonferenz abzuhalten. Offenbar hofften die Eltern, dass diese Form der Öffentlichkeitsarbeit Hilfe bringen könnte. Es sei das erste Mal, dass eine solche Bitte an den Regierenden Bürgermeister herangetragen worden sei, betonte Donnermeyer.

Madeleines Vater feierte gestern seinen 39. Geburtstag, doch sagte er, das sei derzeit das Geringste, was ihn kümmere.

Nach dem Besuch in Berlin wollen die McCanns auch die Bevölkerung in den Niederlanden und Marokko zur Mithilfe aufrufen. Kurz vor ihrem Start nach Berlin wandten sich die Eltern mit einem neuen Hilfsappell an die Öffentlichkeit. Dabei beschrieb die Mutter des Mädchens in einer BBC-Sendung unter anderem den Schlafanzug, den „Maddie“ in der Nacht ihrer Entführung getragen hat.

Die offensiven Auftritte der Eltern in der Öffentlichkeit wurden bisher zwiespältig aufgenommen. Während die einen Verständnis dafür aufbringen, dass Eltern in einer solchen Situation alles unternehmen, was möglich ist, äußern andere Zweifel. Der Traumatologe und Experte für Entführungsopfer, Christian Lüdke, sagte dem Tagesspiegel: „Das Verhalten von Madeleines Eltern ist sehr auffällig. Besonders die Tatsache, dass die Briten nach Madeleines Verschwinden nicht zurück nach England gefahren sind, sondern quer durch Europa reisen, entspricht nicht meiner Erfahrung. In der Regel ziehen sich Eltern von entführten Kindern eher zurück. Sie gehen vielleicht ein, zwei Mal an die Öffentlichkeit. Irgendetwas stimmt da nicht.“ Lüdke glaubt nicht, dass eine organisierte internationale Bande Madeleine entführt hat. „Wenn es so wäre, hätten die Entführer das Mädchen längst freigelassen“, sagt der Psychologe. „Schließlich ist die Belohnung, die für Madeleines Freilassung ausgesetzt ist, extrem hoch. Für die Entführer wäre es lukrativer, das Kind gehen zu lassen. Außerdem ist Madeleine inzwischen so bekannt, dass Kinderhandel eher nicht infrage kommt. Die Gefahr, entdeckt zu werden, ist viel zu groß.“ Wenn aber keine kriminelle Vereinigung für Madeleines Verschwinden verantwortlich ist, wer ist es dann? Für Lüdke könnte Madeleines Entführung auf eine Beziehungstat zurückzuführen sein. Demnach könnten Bekannte oder Verwandte im Spiel sein.

Die portugiesische Polizei nimmt auch Angehörige und Bekannte der Familie unter die Lupe. Obwohl es bislang keine konkreten Verdachtsmomente in dieser Richtung gibt, wird dies getan, weil die Täter in vielen solcher Fälle aus dem Familien- oder Freundeskreis stammen. Parallel dazu ermitteln die Beamten jetzt auch in Marokko. Anlass ist, dass eine norwegische Touristin dort einen Mann in Begleitung eines kleinen Mädchens im Schlafanzug gesehen haben will, das ihn auf Englisch gefragt haben soll, wann es zu seiner Mutter zurückkehren dürfe.

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