Welt : Deutschland nimmt Abschied vom Papst

Zwei Tage vor der Beisetzung von Johannes Paul II. hat in Deutschland die zentrale Trauerfeier stattgefunden. An der Messe in der Johannes-Basilika in Berlin nahmen Bundeskanzler Gerhard Schröder, das Kabinett und viele hochrangige Politiker teil. (06.04.2005, 15:13 Uhr)

Berlin - Schwache Sonnenstrahlen scheinen durch die bunten Kirchenfenster der Johannes-Basilika und tauchen das Gotteshaus in warmes Licht. Rosen und Nelken umrahmen ein großes Foto von Johannes Paul II. am Altar. Mit freundlichem Lächeln blickt der Papst aus dem Bild - und auf die Gemeinde. Für diesen Menschenfreund sind sie am Mittwochmorgen alle nach Berlin-Neukölln gekommen: Der Kanzler und die Oppositionschefin, Geistliche vieler Konfessionen, Diplomaten aus der ganzen Welt. Zwei Tage vor der Beisetzung in Rom verabschiedet sich Deutschland vom Papst.

Die Politiker waren mit ihren schwarzen Limousinen vorgefahren, der Motorenlärm hatte die andächtige Stille vor der Kirche immer wieder gestört. Hinter der Absperrung harren seit Stunden hunderte Gläubige aus. Auch sie wollen dem Papst die letzte Ehre erweisen. Die Kirche mit ihren tausend Plätzen ist bis auf den letzten Platz besetzt. Zu den Zaungästen gehört die Polin Izabella Rasinska. Sie schwenkt die rot-weiße Flagge ihrer Heimat. «Für uns ist es ein großer Schmerz», sagt sie mit Tränen in den Augen.

Doch keine bleierne Trauer, eher Zuversicht und Hoffnung prägen die Stimmung der Anwesenden beim Pontifikalamt. Andächtig hören sie Seite an Seite zu und singen mit: Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Ehefrau Doris Schröder-Köpf, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Alt-Kanzler Helmut Kohl und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Auch Ministerpräsidenten sind gekommen. Als «großen Europäer» würdigt Innenminister Otto Schily (SPD) den Papst, Merkel lobt seinen Einsatz für die Freiheit.

Persönliche Erinnerungen mischen sich in die Worte des Apostolischen Nuntius Erwin Josef Ender und die Predigt von Kardinal Karl Lehmann. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz nutzt die Gunst der Stunde, um mit starken Papstworten den Politikern ins Gewissen zu reden. Ohne Grundwerte, zitiert Lehmann Johannes Paul II., «verkommt Freiheit im Leben der Individuen zur Freizügigkeit, und im politischen Leben wird sie zum Spielball der Mächtigen und zur Arroganz der Macht».

Der Kardinal ruft die Menschen auf, für ihre Überzeugungen einzustehen - wenn nötig gegen Mehrheitsmeinungen. Auch der Papst habe dafür «keine Legionen» gehabt und sei in seinen 26 Amtsjahren oft ein «einsamer Rufer in der Wüste» gewesen. Nicht immer habe man im Inneren der Kirche die Kraft seines prophetischen Auftretens recht verstanden. Und dann richtet Lehmann den Blick nach vorne: Die Kirche bleibe eine verlässliche Gemeinschaft des Glaubens, gegen die «gut gemeinte Anpassungsfreudigkeit» und «um den zentrifugalen Kräften» zu widerstehen. Für pluralistische Gesellschaften, das weiß der Kardinal, sei dies «keine leichte Botschaft». (Von Esteban Engel, dpa)

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