Dichtung und Wahrheit : Wie James Bond über Jakarta

Was kann man glauben, was nicht? In unserer fälschunganfälligen Internetwelt findet sich unser Kolumnist Helmut Schümann immer seltener zurecht und bewundert Mario Steven Ambartia, der nur noch seinen eigenen Augen traut.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Die Tage rief der Sohn an. „Sag mal, Papa, dieses Video von diesem amerikanischen Polizisten, der achtmal einem weglaufenden Menschen in den Rücken schießt, ihn dabei tötet und dann so tut, als sei nichts geschehen, sag mal, Papa, ist das echt? Oder auch wieder nur Fake?“

„Ja, was weiß ich denn“, hatte der Vater gesagt, „ich war doch nicht dabei, ich glaube mir nur noch, was ich mit meinen eigenen Augen sehe, und auch da bin ich mir nicht mehr sicher. Könnten ja falsche Bilder sein, gefälschte Bilder, Photoshop, manipulierte Bilder, Stichwort: IS, Stichwort: TV5Monde, Stichwort: Mondlandung. Wir leben wohl in einer Zeit der Verschwörungstheoretiker.“

„Aber, Papa“, hatte der Sohn gesagt, „wenn du doch live dabei bist.“

„Dann sehe ich doch auch nur die Details, nicht das große Ganze, nicht alle Zusammenhänge. Und zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung klafft oft eine große Lücke.“

„Du meinst, man muss hoch fliegen, um alles wahrzunehmen“, hatte der Sohn gefragt.

„Sehr hoch, Sohn, sehr hoch.“

Mario Steven Ambartia. 21 Jahre alt, geboren in Jakarta, Hauptstadt von Indonesien, gut neuneinhalb Millionen Einwohner, Moloch und Heimstatt von Armut, Elend, von Viren und Infektionen, ist jetzt dieser Tage hoch geflogen.

Was sonst nur James Bond schafft, Mario Steven hat es auch geschafft. Er hat sich ans Fahrwerk einer Boeing geklammert und ist mit der in die Luft geflogen. Hoch, immer höher, bis auf 10 000 Meter ist er hoch geflogen. Da oben ist es verdammt kalt. Und zugig. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf, um die Geburtsstadt einmal von oben zu sehen? Das nämlich war sein Ziel. Einmal von oben runterschauen, so wie Gott von der Wolke.

Mario Steven sagt, er habe den Flug, gestartet in Pekanbaru auf der Insel Sumatra, seit einem Jahr geplant. Er hätte also auch als Ikarus ins Wasser fallen können. Ist er aber nicht, er überstand den Flug am Fahrwerk weitgehend unbeschadet. Welche Erkenntnisse er nun als Adler gewonnen hat über seine Geburtsstadt, ist noch nicht bekannt. Vielleicht reicht für die Erkenntnis und die Wahrheit nicht mal der hohe Flug, sondern nur Ehrlichkeit.

„Sag mal, Papa“, sagt der Sohn, „klappen Fahrwerke nicht eigentlich ein und Mario wäre dann zerquetscht worden?“

„Tja“, sagt der Vater, „ich war nicht dabei, ich kann die Geschichte glauben oder auch nicht.“

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