Welt : Dick ist schick: Vollweib statt Zicke

Margret Steffen

Dicke Frauen haben allen anderen etwas voraus. Wogende Brüste über drallem Bauch. Knuffige Hüften. Selbstbewusste Oberarme und ein lebensfrohes Hinterteil. Nur die Anerkennung dafür bleibt mager: Stark gebaut sind sie, heißt es, bestenfalls mollig. Weibliche Masse muss sich verschleiern in schamhaften Synonymen und Kleiderordnungen.

Braucht sie nicht, findet die Schauspielerin Marianne Sägebrecht, 78 Kilo schwer. In einem Interview stellte sie kürzlich die Welt vom Kopf auf die Füße: "Die Diktatur der Dünnen finde ich schrecklich." Sie habe noch nie eine Diät probiert. Man sei auch mit mütterlichen, runden Formen schön.

Was schön rund bedeutet, war jahrhundertelang klar - fruchtbare, gesunde Frauen mit Kraftreserven. Die müssen sich heute erst wieder bemerkbar machen. Ingrid Maier-Zick führt die Agentur "Big Beauty" und bringt Big Sizes auf den Laufsteg. "Die Illustrierten reagieren langsam, aber sicher darauf", sagt sie, gerade von einem Fotoshooting zurück. "Vier bis fünf Mal im Jahr gibt es da korpulente Frauen zu sehen, was von den Leserinnen immer sehr honoriert wird."

Wie die Schlank-Hysterie kommt aus den USA auch ein neues Selbstbewusstsein der Beleibten. Als Renner gelten Dessous-Shows, das Thema sei generell salonfähiger, sagt Maier-Zick. Kein Wunder also, dass sich Mick Jagger jüngst mit Big-Size-Model Sophie Dahl blicken ließ. Turtelnd und ungleich zogen sie durch New Yorker Nachtclubs, überbrückten dabei 32 Kilo Differenz.

Was Männer an runden Frauen gut finden, ist Jürgen Klebes Spezialgebiet. Unter seinen Blicken entstehen beliebte Extrablätter der St.Pauli-Nachrichten wie "Prall und Drall" oder "Dickerchens Hitparade". "Männer wollen stramme Mädchen haben", sagt Klebe und zählt auf: "Ein rundes Gesicht ist lieb und nett. Solche Frauen sind vielleicht mütterlicher, lachen anders, haben ein Grübchen." Je dünner die Frau, desto zickiger sähe sie aus. Und Männer seien eben auch Grabbler, nicht nur Hinkucker. "Bei den Römern war das auch schon schick", argumentiert Klebe - der römische Bauch etwa, "dieses kleine Kügelchen vorne dran".

An Taille und Po mit dem Zentimeterband herumgemessen wird auch erst seit Anfang des letzten Jahrhunderts. In den verruchten Großstädten schnitten sich Frauen die Haare ab, wollten androgyn und knabenhaft aussehen. Schnörkellose Bauhausästhetik also: Der Büstenhalter der 20er Jahre - das erfahren wir in einem Ausstellungskatalog des Historischen Museums Frankfurt - war eigentlich ein "Büsten-Plattmacher". Durfte später eine dralle Marylin Monroe noch genießerisch beim Essen gefilmt werden, war Schlankheit ab den 50er Jahren endgültig in. "Nach dem Krieg waren alle dünn", sagt Birgit Dams vom Verein "XXL - Dicke eV." aus Wesel. "Vielleicht haben die deutschen Frauen daraus eine Tugend gemacht."

"Strotzende Weiblichkeit wurde immer mehr zum Hässlichen", sagt Gisela Gnich von der Universität Bremen. Ihre Studie "Wonneproppen - dicke Menschen in mageren Zeiten" durchleuchtet die Sanktionen der Schlank-Gesellschaft. Schönheit werde heute auf "schlank" reduziert, obwohl doch Dicksein eine natürliche Variante des Körpers sei. Nirgendwo gebe es den Beweis, dass rundliche Menschen anfälliger für Krankheit und Gier wären. Die wahre Gefahr liege in Hungerkuren und Selbstinfektion mit Bandwürmern, sagt Gnich.

Runter vom Laufsteg mit den dürren Models, fordert denn auch die britische Frauenministerin Tessa Jowell. Ihr Anblick führe zu Verdruss und Magersucht. "Wir müssen diese Generation junger Mädchen von der Tyrannei befreien, die ihre Mütter und Großmütter verspürten", erklärte Jowell und warb dafür, ungesunde Vorbilder in den Medien zu verbieten. Auch Spanien ging schon gegen Hunger-Look und Bulimie vor: Regierungschef Jose Maria Aznar machte sich stark für Models nicht unter Größe 38.

Der Heroin-Chic ist zwar nicht mehr angesagt, hinterlassen aber hat er die moderne Abneigung gegen Weiblich-Rundes. Nach einer Studie der Bielefelder Universität hat schon jedes vierte Mädchen im Alter von 12 Jahren einmal gefastet. Dicksein steht immer noch verträgt sich nicht mit Jugend-und Erfolgskult: in Philadelphia, US-Stadt mit den meisten Übergewichtigen wollen die Bürger jetzt kollektiv abspecken.

Menschen hatten bisher immer zuwenig zu essen, deshalb gebe es keine Gefräßigkeitsbremse im Körper. Das erklärt der Anthropologe Marvin Harris. Moderne Fettleibigkeit sei also eine evolutionäre Schwachstelle wie der Rundrücken etwa - kein Charaktermangel. Trotzdem, sagt Harris, sei sie "heutzutage, wo Kalorien billiger sind als frische Luft mit dem Makel der Armut und des Versagens behaftet."

Am zunehmenden Selbstverständnis von runder Schönheit werden sich diese Neuzeit-Dogmen künftig reiben. So lässt sich auch Marianne Sägebrecht nicht beeindrucken: "Ich habe eine diebische Freude daran, dass ein Elefantenwesen wie ich, dieser Dickhäuter mit feiner Seele, noch herumspazieren darf."

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