Welt : Dicke Fische

Die meisten Iraker müssen von Rationen leben – und an Bagdads Börse zocken die Händler

Asne Seierstad[Bagdad]

„Rauf“, sagt Telal Brahim zufrieden. „Fünf Prozent in einer Woche.“ Telal lacht und hat den Blick auf die Zahlen an der Tafel geheftet. Hier werden die Kurse mit Filzschreiber und Schwamm verändert. Die Makler laufen zwischen den Kunden und der Tafel hin und her. Der Schnellste setzt sein Zeichen.

Es ist die Börse in Bagdad, an der sich dreimal in der Woche Händler treffen und spekulieren. „Der Markt kocht. Vollkommen unerwartet,“ sagt Aktienmakler Muhamed Ali. „Die meisten glaubten, dass die Kurse wegen der Kriegsdrohungen fallen würden, und dann passierte genau das Gegenteil.“

Es sind wohlhabende Händler, die sich an der kleinen Börse treffen, die kaum größer als eine Turnhalle ist. Es gibt viele Wohlhabende in Irak. Umso stärker ist der Kontrast zur Armut des größten Teils der Bevölkerung.

Sieben fette Fische aus dem Tigris schwimmen gemächlich im runden Steinbassin. Ruhig schwenken sie ihre Schwanzflossen. Manchmal schwimmt einer von ihnen an die Oberfläche und lässt seine rötliche Haut schimmern. Im Wind schwanken kleine Palmen über dem Becken und dem ordentlich gemähten Rasen. Am Grill steht Ali und wartet darauf, dass jemand gegrillten Fisch bestellt. Langsam füllt sich das Restaurant. Etwa zwanzig Kellner in frisch gebügelten Anzügen gehorchen dem kleinsten Wink.

„Die Leute haben nicht mehr so viel Geld. Sie essen zu Hause.“ Ali verdient umgerechnet etwa 60 Euro im Monat. Das reicht für ihn und seine Familie und ist nach irakischem Maßstab ein vergleichsweise guter Lohn. Die Kellner verdienen 200 Kronen. Muhammed ist einer von denen, die es sich leisten können, gegrillten Fisch zu essen. Früher besaß er eine Möbelfabrik. „ Viele sind ärmer geworden und nur wenige reicher. Und die sitzen hier“, sagt er und deutet mit einer fast unsichtbaren Kopfbewegung in Richtung der anderen Gäste. Ein paar Tische weiter sitzen vier Männer mit Goldketten, schwarzen Aktenkoffern und Handys. Die Handys sind so groß wie Walkie-Talkies, Artikel, die von den Behörden streng kontrolliert werden und die sich nur sehr wenige leisten können.

Plötzlich füllt sich das Restaurant. Etwa fünfzig Männer in Anzügen treten ein und beanspruchen mit größter Selbstverständlichkeit das halbe Restaurant für sich. „Handelsministerium“, flüstert Muhammed. „Die sind wichtig, die haben Geld.

Die Einkaufsstraße Al Arasat ist Bagdads Champs-Elysees. Hier kann man exklusive Armani-Anzüge kaufen, Sofas, alle Arten von Zigarren und Parfüm. Hier werden Computer angeboten, und die Läden sind voll von Fernsehapparaten, Stereoanlagen, Videospielen und anderen elektronischen Geräten. Trotz der Sanktionen, trotz des Importverbots. Aber auch der Al Arasat ist anzumerken, dass sie bessere Tage gesehen hat. Überall liegt Müll. Andererseits, die Neonreklamen sind frisch geputzt. Hier befindet sich auch der Nachtclub „Black and White“ mit Restaurant und großem Pool im Garten. Hier feiern die Wohlhabenden ihre Hochzeiten und Namenstage, und hier sind westliche Musikvideos zu sehen, was bei den staatlichen Fernsehsendern undenkbar wäre.

Eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt, in einem armen Stadtteil von Bagdad wartet Wahida mit ihrem Sohn auf ihre monatliche Ration. Hier sind die Straßen schon seit Jahren nicht mehr asphaltiert worden und voller Schlaglöcher. Die Türen der kleinen Läden und der Häuser hängen schief.

Heute sollen sie Lebensmittel erhalten. In den letzten sieben Jahren hat Wahida ihre Grundbedürfnisse mit Hilfe des Programms Öl-für-Essen gedeckt. Dieses Programm erlaubt es dem Irak, Öl zu exportieren, solange die Einnahmen humanitärer Hilfe vorbehalten bleiben. Die Agentin, wie sie genannt wird, wiegt alles auf einer Waage mit riesigen Eisengewichten ab. Jeder Iraker bekommt 9 kg Weizenmehl, 3 kg Reis, 2 kg Zucker, 200 g Tee ein halbes Kilo Waschpulver und ein Viertel Kilo Seife. Zusätzlich erhält er noch kleinere Mengen Bohnen, Erbsen, Speiseöl, Salz und Trockenmilch. Die Agentin in diesem Stadtteil heißt Karima. Sie betreibt einen kleinen Gemischtwarenladen, den sie übernommen hat, als ihr Mann starb. „Früher hatten wir drei Sorten Tee, alle möglichen Plätzchen, Seife in allen Farben und mit allen möglichen Düften. Heute habe ich eine Sorte Tee, eine Seife und keine Plätzchen.“

Wahida nickt, während ihr Sohn Säcke nach draußen schleppt, die Ration für alle Familienmitglieder. Lebensmittel werden von dem Regime stark subventioniert. Wollen sie mehr, kostet das Geld, und die meisten sparen schon an allem – am Essen, an den Kleidern, der Miete. „Das Leben ist härter geworden“, sagt Wahida ein. „Früher war ich nur Hausfrau und habe für meine Familie gesorgt. Jetzt stehe ich jeden Morgen um fünf auf und stelle Käse und Joghurt her, um das auf der Straße auf einem Tisch vor unserem Haus zu verkaufen.“

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