Welt : Dicke Luft in Italien

Thomas Migge

Es will einfach nicht richtig regnen. Eine Gruppe von Bürgern hat die Stadtverwaltung von Mailand bereits aufgefordert, doch einen indianischen Regenmacher um Hilfe zu bitten, damit er seinen Regengott anruft. Dann kamen tatsächlich ein paar Tropfen und die Schadstoffwerte sanken ab. Von wirklicher Linderung konnte aber nicht die Rede sein.

Ohne den seit fast vier Monaten ausbleibenden Regen wird Mailand nicht mit dem Smog fertig. "Nur mit dem Nass von oben", so Ermete Realacci, Präsident der Umweltorganisation Legambiente, "können wir die Luftverschmutzung wenigstens zeitweise in den Griff bekommen".

Eine Angst erregende Luftverschmutzung. Die Medien berichten jeden Tag ausführlich über den Dreck in der Luft. Besorgte Mütter lassen ihre Kinder nur noch mit Mundmasken aus dem Haus. In Mailand und Turin sind diese Masken schon so knapp geworden, dass sich eine Art Schwarzmarkt für sie gebildet hat.

Seit über 100 Jahren hat es in Italien schon so lange nicht mehr geregnet. Die Wetterforscher sagen für jeden Tag die lang erwarteten Regenfälle voraus aber nichts tut sich. Außer einige Tropfen haben sich die lang erwarteten Regengüsse noch nicht eingestellt.

Die Trockenheit und die ungewöhnliche Kälte der letzten drei Wochen führten zu einer für Italien selten hohen Luftverschmutzung. Mailand und Turin, Bergamo und andere vor allem norditalienische Großstädte haben den Smogalarm ausgerufen. An verschiedenen Sonntagen wurden Fahrverbote für PKW entschieden, aber, so Realacci, "das reicht nicht". Auch in Rom, wo jeden Tag rund 800 000 PKW auf dem Stadtgebiet zirkulieren ist die Luft, so Bürgermeister Walter Veltroni, "zum Durchschneiden dick". Auch Veltroni plant deshalb Fahrverbote.

Fahrverbote, von denen auch die Mopeds betroffen sein sollen. Ihr Schadstoffausstoß, weiß Realacci von Legambiente, "ist in der Regel wesentlich höher als der der Autos". Niemand "weiß genau, wie viele dieser kleinen stinkenden Dinger durch unsere Städte fahren und unsere Verkehrspolizisten drücken bei den Mopedfahrern immer wieder beide Auge zu". Realacci fordert deshalb, dass der motorisierte Zweiradverkehr sofort untersagt wird, solange "die Luft so dick ist".

Der Schadstoffausstoß lasse sich nur, so Gianfranco Bettin, Bürgermeister der Stadt Mestre auf dem Festland bei Venedig, "durch härtere Fahrverbote senken". "Wenn es nicht bald regnet", prognostiziert Roberto Formigoni, Präsident der Region Lombardei, "dann bleibt uns nichts anders übrig als radikal den gesamten Privatverkehr einzustellen, wenn wir nicht in unseren Städten ersticken wollen".

Formigoni übertreibt nicht. Die in den letzten Tagen in norditalienischen Städten gemessenen Luftverschmutzungswerte sprechen eine klare Sprache. In fast allen Fällen lagen die Werte von Kohlenwasserstoff, Kohlen- und Schwefeldioxid und anderen Verbrennungsprodukten weit über 150 Microgramm pro Quadratmeter.

In Italien gibt es kein einheitliches nationalens Luftverschmutzungsgesetz. Jede Stadt misst nach Gutdünken den Schadstoffgehalt der Atemluft. Doch wenn die Werte 100 Mikrogramm pro Quadratmeter übersteigen, wird in der Regel Alarm geschlagen.

Alarm wird in Nord- und Süditalien auch aus einem anderen Grund geschlagen. Auch die chronische Wasserknappheit auf Grund ausbleibender Regenfälle macht Millionen von Menschen zu schaffen. Am Wochenende haben die Präsidenten von 15 Regionen den Wassernotstand ausgerufen.

Besonders schlimm ist die süditalienische Region Apulien betroffen. Ganze Ortschaften müssen bereits mit Wassertankern versorgt werden, weil die Talsperren so gut wie leer sind.

Die große Kälte und der Wassermangel fügen der Landwirtschaft große Schäden zu. Mit seit Wochen anhaltenden Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt können auch die unter Plastikplanen in Süditalien angebauten Gemüsesorten nicht überleben. Die für die Landwirtschaft katastrophale Situation führt zu Engpässen in der Versorgung mit Gemüse und Obst. Auf Märkten und in Supermärkten sind die Gemüse-Preise um bis zu 400 Prozent angestiegen.

Während halb Italien unter Wassermangel leidet, sprudelt aus den römischen "Nasone", den großen Nasen, wie die öffentlichen Trinkbrunnen in der Innenstadt genannt werden, unentwegt frisches Wasser. Das meiste davon versickert in der Kanalisation. Dieses Wasser wird aus Seen nördlich von Rom über Wasserleitungen in die Hauptstadt transportiert. Ein Transport, der für Verärgerung sorgt. Deshalb fordern Politikerkollegen fast aller Parteien Wasserhähne für die großen Nasen Roms.

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