Welt : "Die anders rote Fahne": Mein Name sei Candide

Ulrike Baureithel

Nach dem Biographieboom der 80er Jahre, der in der historischen Forschung eine kaum wahrgenommene, doch sehr fruchtbare interdisziplinäre Auseinandersetzung über den Zusammenhang von Biographie und Geschichte angeregt hat, macht sich in den letzten Jahren die Memoirenwut auch im östlichen Teil der Republik breit. Dass die Erinnerungsgeschichten aus der DDR meist in mehr oder weniger ambitionierter literarisierter Form daherkommen, dürfte eine Reminiszenz an die sich eigensinnig verteidigende DDR-Literaturgesellschaft sein. Die Tatsache selbst wiederum verdankt sich dem nachvollziehbaren Wunsch, eine vom historischen Parkett abgetretene Epoche ins kollektive Gedächtnis herüber zu retten.

Epen für die Helden

Derartige Sinnstiftungsunternehmen sind risikoreich: Einerseits muss sich der Erzählende sozusagen zum "letzten Zeugen" erklären und die Gültigkeit seiner Geschichte verbürgen; andererseits ist er aufgefordert, die eigene Lebensgeschichte stellvertretend für die "große", unwiderruflich vergangene Ära zu entwerfen. So es sich um eine "Ausnahmeperson" handelt, die als Sonderfall in Erscheinung tritt, wird der Markt dann ganz traditionell mit anekdotischen Heldenepen versorgt; doch wenn es sich um den sogenannten "Durchschnittsmenschen" handelt, muss dessen Lebens- und Karrieregeschichte "sprechend" gemacht werden für die Kollektivbiographie, deren Tücke sich darin erweist, was retrospektiv zur Sprache gebracht und was ausgeblendet wird.

Ein in der Literatur oft gewählter Ausweg ist dann die Perspektivenverengung, die Günter Grass in der "Blechtrommel" vorgeführt hat. Diesen Versuch der verkleinerten Perspektive unternimmt auch die in Berlin lebende Autorin Ricarda Bethke in ihrem autobiographischen Roman "Die anders rote Fahne", wenn sie sich 1944 als Fünfjährige mit dem merkwürdigen Namen Candide einführt, auf dem Bett der Großmutter liegend beim Mittagsschlaf. Es ist Krieg, doch er kommt für das Kind unsichtbar und willkürlich von der Sirene vom Nachbardach, die gelegentlich den häuslichen Frieden in der thüringischen Kleinstadt stört und die Bewohner in die Keller treibt.

Candide, das "Kuckucksei" ohne Vater, lebt in einer Welt der Frauen, einer Mütterwelt, die ihren Sinn im mündlichen Erzählen herstellt. Mit Ausnahme des wortkargen Großvaters, dem überzeugten Sozialisten, sind es die Frauen, die nicht nur für das tägliche Leben sorgen, sondern die die Deutungsmacht haben über die Ereignisse im kleinen Leben des Mädchens und im großen der Kriegs- und Nachkriegszeit, in der es neben der Politik auch um erfrorene Kartoffeln, erschlichene Blutwurst und zerstörte Familien geht. Aus der "naiven" Sicht des Kindes erschließt sich das Kriegsende, das in der Familie nicht "Zusammenbruch" oder "Befreiung" heißt, sondern "Umsturz", und für den "die anders", nicht nazi-rote Fahne steht, die Candide eines Tages im Wäscheschrank ihrer Großmutter entdeckt.

Der Charme und die Überzeugungskraft der erzählten Welt des Kindes liegt darin, dass es gemeinsam heranwächst mit dem neuen Staat DDR, in dem das U-Boot-Spiel mit den gleichaltrigen Jungen eine ebenso große Rolle spielt wie die Ernennung des Großvaters zum sozialistischen Bürgermeister der Stadt oder die ländlichen Widerstände gegen die Zwangskollektivierung. Als "Edelkommunist" hat der Großvater sich nicht nur gegen die Anwürfe der städtischen Bildungsbürger zu wehren, sondern auch gegen die "Bardei neuen Dybs", der er am Ende resigniert unterliegt. Dabei geht der Riss durch die Familie selbst, in der es neben den Kommunisten auch die Nazi-Mitläufer gibt und vielleicht Schlimmeres, denn von welchem französischen Mädchen sollte sonst das schicke Pelzmäntelchen stammen, das in der Familie von Schulkind zu Schulkind, auch an Candide weitervererbt wird?

Derlei unscheinbare Kleinigkeiten sind es, die für das Mädchen die großen Fragen brennend machen: Warum der Großvater "alles Scheiße" findet und nicht nur sein Bein meint, sondern auch die "umgedrehten Nazis"; warum im Geschichtsunterricht immer nur die "Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln" an allem schuld sind; und warum liebgewonnene Freunde plötzlich in "den Westen" verschwinden.

Dabei bleibt Candide, je mehr sie heranwächst, Außenseiterin. Ihr fehlt nicht nur der Vater, der nach dem Hitler-Stalin-Pakt Selbstmord begangen hat, ihr fehlen auch die passenden Kleider, die Kenntnis der gängigen Schlager und später der Umgang mit Männern - und der Geschmack, "das Wissen, das richtige Gefühl, der richtige Wille", wie die bürgerlichen Professoren beklagen. Auf dem Reforminternat, der Erweiterten Oberschule und auf der Berliner Humboldt-Universität, wo das ungelenke, große Mädchen mit den kurzsichtigen Augen Anfang der 60er Jahren Kunst und Germanistik studiert, überall fühlt sich die künftige Kunsterzieherin nicht dazugehörig, fehlt es ihr an der nötigen Anpassungsbereitschaft, obwohl oder gerade weil sie das Vermächtnis der "anders roten Fahne" nicht aufgeben will. Als weiblicher Schwejk läßt sie ihre Schüler "das Rot im Leben der Arbeiterklasse" suchen - nach Ideen "der progressiven Künstler im kapitalistischen Lager".

Erst in der Subkultur Berlins findet die junge Frau eine Anschlussstelle an das Erbe ihres Vaters. Der Kontakt mit den Künstlerfreunden entfremdet sie zunehmend dem DDR-Staat, der nur nach "steifen Maßen" misst und baut bis hin zur Mauer. Der Widerwille gegen Uniformen einerseits und gegen den "Westsachenwahn" andererseits machen Candide heimatlos, selbst die "erhöhten Gespräche über den wahren Zusammenhang von Kunst und Revolution", die sie mit dem haltlosen Malerfreund Hans führt, weisen keinen wirklichen Ausweg.

Opportunismus mit tödlichen Folgen

Die Illusion der "anders roten Fahne" nicht aufgegeben zu haben, bleibt der Stachel im Fleisch der realsozialistischen Anpassergesellschaft. Doch - und hier wird dieser zweifellos feinsinnige und poetische, an der jeweiligen Erkenntnisfähigkeit des Mädchens ausgemessene Rückblick zum Problem - bergen auch Bethkes Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend und ihre wechselvollen Jahre in Berlin die Gefahr retrospektiver Verklärung. In der verkleinerten Perspektive des Kindes gerät aus dem Blick, dass die "große" Politik, gepaart mit dem alltäglichen Opportunismus existenzielle, mitunter tödliche Folgen hatte, und sich nicht überall eine "Müllertochter" wie Candide fand, die ihren Maler-Hans rettete.

0 Kommentare

Neuester Kommentar