Welt : Die angekündigten Leoniden stürmten zu früh

BERLIN (Tsp/AFP).Wegen Fehlberechnungen der Astronomen sind in der Nacht zum Mittwoch Hunderttausende von Sternguckern enttäuscht worden.Der für den frühen Morgen angekündigte "Sternschnuppen-Sturm" der sogenannten Leoniden war nach Beobachtungen der Europäischen Weltraumorganisation ESA bereits am Dienstag morgen niedergegangen."Die Astronomen haben sich um rund 16 Stunden verrechnet", berichtete am Mittwoch Rüdiger Jehn von der Sektion Missionsanalyse der ESA in Darmstadt: "Kometen sind immer für eine Überraschung gut.Wir haben wieder einmal gelernt, daß Modellrechnungen daneben liegen können."

Das Europäische Satelliten-Operationszentrum ESOC in Darmstadt hat nach Jehns Angaben in der Nacht zum Mittwoch nur etwa 1000 Sternschnuppen pro Stunde gemessen; vorhergesagt worden waren bis zu 50 000.Auf Grund der vergleichsweise geringen Teilchendichte im Schweif des Kometen "Tempel-Tuttle" hätten nach einem ersten Überblick der ESOC alle fünf ESA-Satelliten den Leoniden-Sturm unbeschadet überstanden.Auch von Betreibern anderer Satelliten hätten am Mittwoch früh keine Informationen über Schäden vorgelegen, sagte der Experte.Sämtliche ESOC-Satelliten, deren Systeme am Dienstag nachmittag vorsichtshalber abgeschaltet worden waren, seien am Mittwoch früh wieder in Betrieb genommen worden.

"Es war, als ob Gott selbst ein Feuerwerk veranstaltet hätte", schwärmte vorab einer der zahlreichen Sternengucker, die extra in die Mongolei gereist waren und dort tagelang auf den nur alle 33 Jahre aufretenden "Meteoritenregen" am Himmel gewartet hatten.Unglücklicherweise ereignete sich das seltene Naturspektakel aber fast einen Tag früher als von den Fachleuten berechnet, und so harrten Tausende Hobbyastronomen weltweit in der Nacht bibbernd, aber fast umsonst in der Kälte aus."Ich bin wirklich enttäuscht", sagte ein Student, der trotz eisiger Temperaturen von bis zu minus 20 Grad mit vielen anderen wegen des Ereignisses zur Chinesischen Mauer gepilgert war.China und die Mongolei galten als die besten Regionen, um das Himmelsphänomen zu beobachten."Wir haben das nicht erwartet, das ist sehr ungewöhnlich", sagte der US-Astronom Simon Worden zu dem Fiasko zerknirscht.Worden gehörte zu einer Gruppe von Fachleuten, die in die Mongolei gereist war, um befürchtete Schäden durch den "Leoniden-Sturm" an Satelliten zu vermeiden.Deren Beobachtungen wurden in die USA weitergeleitet, wo die Betreiber die kommerziellen und die zu militärischen Zwecken genutzten Satelliten entsprechend ausrichten oder abschalten sollten.Für die Satellitenbetreiber war das Ausbleiben des Spektakels eine gute Nachricht.Auch die beiden russischen Kosmonauten an Bord der Raumstation "Mir", die vorsichtshalber in einem Rettungsmodul Schutz vor dem angekündigten Sturm gesucht hatten, kehrten nach Angaben des Kontrollzentrums bei Moskau in ihre Räume in der "Mir" zurück.

Noch eine Stunde vor dem erwarteten Höhepunkt, um 18 Uhr MEZ, hatten die Fachleute einen "gemäßigten Sturm" mit mindestens 1000 Sternschnuppen pro Stunde vorhergesagt.Zwei Stunden später, als auch die sensibelsten Kameras höchstens 200 Sternschnuppen eingefangen hatten, mußten sie kleinlaut einräumen, daß sie sich wohl getäuscht hatten."Es ist eine sehr ungenaue Wissenschaft", erläuterte der deutsche Wissenschaftler Daniel Fischer, der zusammen mit kanadischen Forschern in der Mongolei arbeitet.

Während die enttäuschten Hobbyastronomen an der Großen Chinesischen Mauer sich in dicke Jacken hüllten, um sich warm zu halten, bis Reisebusse sie nach Tagesanbruch wieder abholten, kamen in Japan die Sternengucker offenbar auf ihre Kosten."Das ist eine der schönsten Erinnerungen meines Lebens", schwärmte der 25jährige Geschäftsmann Katsuyuki Masui, der in dem Küstenort Kujukuri südöstlich von Tokio in den Himmel starrte.Noch um fünf Uhr morgens saßen und lagen zahlreiche Familien mit kleinen Kindern sowie viele Studenten am Strand und hießen jede neue Sternschnuppe mit lautem Jubelgeschrei willkommen.In Tokio bewunderten unter vielen anderen Dutzende das Naturschauspiel auf dem Dach eines elfstöckigen Gebäudes."Jedesmal, wenn ich eine Sternschnuppe gesehen habe, habe ich mir etwas gewünscht", sagte ein fröstelndes Mädchen.Für eine 19jährige Japanerin endete die Leoniden-Beobachtung allerding tödlich.Wie die Polizei mitteilte, stürzte die junge Frau nahe Tokio von einer Mauer 15 Meter tief in einen Graben, als sie versuchte, ihren vom Wind herabgewehten Mantel zu fangen.

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