Welt : Die Angst läuft mit

Sind Deutschlands Eissporthallen ein Jahr nach dem Einsturz der Halle in Bad Reichenhall sicherer geworden?

Roland Knauer,Paul Dalg

Zwölf tote Kinder und Jugendliche, drei tote Mütter und 34 zum Teil schwer Verletzte – manchmal ist es erst eine Tragödie, die die Verantwortlichen aufrüttelt. Am 2. Januar stürzte die Eissporthalle in Bad Reichenhall unter den Schneemassen ein und begrub 49 Menschen unter sich. Hat es aus diesem Unglück Konsequenzen gegeben? Heute sind die 230 Eissporthallen in Deutschland ein wenig sicherer als damals. Nicht nur die bayerische Staatsregierung hat ihre Lehren gezogen, auch die anderen Bundesländer und auch Berlin. In Bayern mussten bis zum Beginn der jetzigen Eislaufsaison am 15. November alle der 100 Eissporthallen des Freistaates auf mögliche Bau- oder Ermüdungsfehler untersucht werden. Die Bauminister der anderen 15 Bundesländer haben sich dieser Maßnahme angeschlossen. Allerdings konnte die Überprüfung der rund 130 weiteren Eissporthallen in Deutschland, von denen sieben in Berlin stehen, nicht wie vorgesehen bis zum 15. November abgeschlossen werden, weil es nicht genug Experten gibt, die solche Untersuchungen durchführen können.

Bei den bisherigen Überprüfungen der Hallen wurde deutlich, dass die allermeisten Hallen kaum zu beanstanden sind. Nur in einzelnen Fällen wurden größere Fehler gefunden. Wie zum Beispiel in Wiehl. Nach einer vorübergehenden Sperrung konnten die Mängel behoben werden. „So sicher wie heute waren die Eissporthallen in Deutschland noch nie“, weiß der Holzbau-Experte Heinz Brüninghoff, der an der Universität in Wuppertal als Bauingenieur-Professor das Fach Holzbau lehrt und zahlreiche dieser Hallen überprüft hat.

Bayern geht inzwischen einen Schritt weiter und schlägt vor, dass auch alle anderen öffentlichen Hallen wie Sportarenen, Mehrzweckhallen oder die Turnhallen von Schulen regelmäßig unter die Lupe genommen werden. Nach den bayerischen Vorstellungen aber soll jetzt der Betreiber alle zwei Jahre eine normale Halle selbst fachkundig überprüfen. Alle sechs Jahre stünde dann eine Inspektion durch einen Fachmann an, alle zwölf Jahre würde ein Spezialist für die jeweilige Hallenkonstruktion nach eventuellen Fehlern und Schwachstellen fahnden.

Aufgeschreckt von der Katastrophe in Bad Reichenhall, haben inzwischen viele Gemeinden trotz knapper Kassen ihre Hallen überprüfen lassen. Auch die Berliner Senatsverwaltung hat eine Projektgruppe gegründet, die für die Überprüfung aller großen öffentlichen Hallen zuständig ist. Die anderen Bundesländer werden sich dem bayerischen Vorschlag einer zwingenden ständigen Routineuntersuchung aller Hallen wohl anschließen, vermutet Heinz Brüninghoff. Seiner Meinung nach kann es nicht sein, dass ein Auto alle zwei Jahre beim TÜV vorfahren muss, während Hallen nicht regelmäßig überprüft werden. Wie notwendig solche Kontrollen sind, zeigen die rund hundert Hallen, die Heinz Brüninghoff und seine Mitarbeiter seit der Katastrophe von Bad Reichenhall untersucht haben. „Da gab es gebrochene Träger, um die sich bis zu meiner Inspektion niemand gekümmert hat“, berichtet der Hochschul-Ingenieur.

In Berlin wurden bis heute nicht nur die Eishallen, sondern insgesamt 21 öffentliche Hallen geprüft. Von den sieben größeren Eissportstadien in Berlin sind vier überdacht: die Deutschlandhalle, das Eisstadion an der Paul-Heyse-Straße, die Erika-Hess-Eishalle und das Sportforum Weißenseer Weg. Zwar wurden diese Hallen seit Bad Reichenhall alle baustatisch geprüft, eine Verordnung über regelmäßige Prüfungen gibt es aber nicht. „Anders als bei Brücken, die je nach Befahrung in bestimmten Intervallen umfangreich geprüft werden müssen, liegt es bei Hallen im Ermessen des Betreibers, die Standsicherheit prüfen zu lassen“, erklärt Mehrdad Mehdianpour vom Bundesamt für Materialforschung. Geprüft wird meist von unabhängigen Statikern. „Wir kommen nur bei ganz schwierigen Fällen“, fügt Mehdianpour hinzu. Im Februar hatte das Bundesamt für Materialforschung in der Deutschlandhalle umfangreiche Tests zur Deckenkonstruktion durchgeführt. Nach Reparaturarbeiten an der Stahl-Beton-Konstruktion öffnete die Halle jedoch am 10. März dieses Jahres wieder. In der Erika-Hess-Eishalle konnten Statiker keine größeren oder kleineren Mängel feststellen. Auch das Sportforum Hohenschönhausen wird einmal jährlich geprüft. Für den ordnungsgemäßen Zustand einer Halle ist grundsätzlich der Betreiber verantwortlich, in diesem Fall also die Bauaufsicht der Bezirksämter, weiterhin allerdings ohne rechtliche Vorgaben. Im Rahmen eines Bürokratieabbaugesetzes in Brandenburg wurde im Juni sogar die Bauordnung dahingehend geändert, dass Gebäude von unter zehn Metern nicht mehr bauaufsichtlich auf ihre Standsicherheit geprüft werden müssen. Rose-Linde Delliehausen, Mitglied der Geschäftsführung der TÜV Rheinland GmbH fordert dagegen ein bundesweites Gesetz, dass eine regelmäßige Überprüfung von Statik und Standfestigkeit gewährleistet.

In Bad Reichenhall war es eine Kette von Mängeln und Schäden, die den Einsturz auslöste. Das berichtet die Staatsanwaltschaft Traunstein, die im Zusammenhang mit dem Hallendach-Einsturz gegen acht Personen wegen des Verdachtes der fahrlässigen Tötung ermittelt. Entgegen ersten Meldungen lastete auf dem Dach der Eissporthalle nicht mehr Schnee als das maximal angenommene Gewicht, für das die Dachkonstruktion ausgelegt war. Die Probleme mit der Halle begannen viel früher, berichtet der Prüfer Heinz Brüninghoff. So war die 1971 errichtete Halle eine nicht genormte Sonderkonstruktion, die von der Baubehörde einzeln genehmigt werden musste. Diese Zustimmung im Einzelfall wurde aber nie eingeholt. Das Dach ruhte auf 2,87 Meter hohen Hauptträgern, die allerdings nur bis 1,20 Meter Höhe zugelassen waren. Auch die Berechnung der Tragfähigkeit enthält zwei gravierende Fehler. Die von der Bauaufsicht geforderte Sicherheit war daher von Anfang an nicht gegeben, stellten die Sachverständigen fest. Gegen den Bauingenieur, der diese Berechnungen durchgeführt hat, ermittelt heute die Staatsanwaltschaft. Normalerweise aber hätte die Bauaufsicht diese Berechnungsfehler entdecken müssen. Ein weiterer Fehler war der Kleber, der verwendet wurde. Dieser Harnstoff-Formaldehydkleber funktioniert in trockener Umgebung hervorragend, nicht aber in feuchtem Klima.

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