Welt : Die aufsässigen Teenager Adam und Eva

Eine „Bibel für Ungläubige“ will Hilfestellung für alle Lebenslagen geben – angelehnt ans Original, aber frei von religiösem Dogma

Elisabeth Binder

Im Grunde waren Adam und Eva nur in der Pubertät, als sie vom verbotenen Apfel naschten. Sie waren sich nicht bewusst, dass sie in einem Paradies lebten, in dem ihnen jede Verantwortung abgenommen war. Stattdessen stellten sie, wie ordentliche Teenager nun mal sind, Autorität infrage, schlugen Warnungen in den Wind, wollten selbst ausprobieren, wie das ist mit dem Rauchen, dem Trinken und dem Sex und also ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten entdecken.

So geht es zu in der „Bibel für Ungläubige“, die sich als „Ratgeber für alle Lebenslagen“ versteht. Bibeln gibt es natürlich wie Sand am Meer: die Vitaminbibel, die Wellnessbibel, die Schwangerschaftsbibel, die Home-Workout-Bibel, die Küchenbibel, die Gesundheitsbibel, die Kräuterbibel, die Autobibel, alles hat seine Bibel. Spiritualität ist in, offizielle Religion außer vielleicht zu Weihnachten und im kinderreichen Prenzlauer Berg aber nach wie vor eher out. Deshalb hat der Autor, der unter anderem für den bibelfesten früheren Bundespräsidenten Johannes Rau mal als Redenschreiber gearbeitet hat, die Bibel etwas umgeschrieben und verspricht ein ABC der Projektplanung, einen Kommunikationsratgeber, Hilfestellungen für den Umgang mit Enttäuschungen, Kritik, Abschied und Tod, und all das auch noch garantiert frei von religiösem Dogma.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass dieses Projekt aus einem Haus kommt, das für seine vorzüglichen Kochbücher berühmt ist, dem Gräfe-und-Unzer-Verlag. Funktionierende Rezepte sind keine Selbstverständlichkeit, weder in der Küche noch im Leben.

Was Letzteres betrifft, ist die Bibel ein ultimatives Kompendium menschlicher Weisheit und als solches auch in Sachen Lebenshilfe als Ratgeber bestens geeignet. Erste Lehre aus der Genesis: „Seien Sie ehrlich zu sich selbst.“ Und: „Gehen Sie selbstbewusst mit Ihren Schwächen um. Bekennen Sie sich zu Ihren Fehlern.“

Und wie geht es weiter in der Schöpfungsgeschichte für Ungläubige? Natürlich auch wie im richtigen Leben. Nach der Kindheit, in der für alles gesorgt war, nach der Rebellion der Jugend folgen die Mühen der Ebenen in den langen Jahren des Erwachsenseins, in denen Anstrengung, Arbeit und Ackerei das Leben bestimmen.

Die Lehren im Leben jenseits von Eden: „Verlieren Sie nicht den Mut, wenn es Ihnen einmal schlecht geht. Nehmen Sie es als Ansporn für einen Neu beginn.“ Und: „Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit mit Jammern und Klagen, sondern handeln Sie.“

Nun gibt es viele Verknüpfungen zwischen Regelwerken für den Umgang der Menschen miteinander und religiösen Schriften. Autoren, die wirklich auch Ungläubige erreichen wollen, geben das nur nicht gern zu, kaschieren es einfach nach dem Motto: Gut geklaut ist auch genial.

Genau genommen tut der Autor etwas, was Prediger seit der Entstehung der Bibel getan haben, indem er versucht, ihre Botschaften vor dem Hintergrund aktueller Gegebenheiten zu interpretieren und klar zu machen. Die Bibel als Ratgeber für Gläubige zu interpretieren, ist, wenn es um die Auflage geht, natürlich nicht sehr originell und vielversprechend. Als das gilt sie ja von Anbeginn ohnehin auch.

Im Beipackzettel zu dem Buch heißt es unter anderem, dass jährlich eine Viertelmillion Menschen aus der Kirche austritt, „weil sie die alten Schriften nicht mehr verstehen“. Das ist ganz sicher nicht allein der Grund dafür, außerdem sind die Zahlen der Austritte auch wieder rückläufig und es gibt Rückkehrer.

Trotzdem kann man mit Tipps wie „Verschieben Sie nicht die Erfüllung aller Wünsche auf später, sondern genießen Sie Ihr Leben im Hier und Jetzt“ sicher manchen Leser erfreuen, der fürchtet, in den Kirchen nur Wasser und Brot gepredigt zu bekommen. Das ist ja auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise aktuell.

Andererseits wirken diese uralten Regeln natürlich nicht besonders elektrisierend, weil sie ja sowieso tief in die Gesellschaft eingesickert sind. Und wenn man alles ganz modern formuliert, geht eine mystische Ebene verloren, die den Reiz des Originals nicht unwesentlich ausmacht. Gewinnbringender als der auf Bestsellerlisten angesagte Eso-Kitsch à la „Sakrileg“ ist es aber vielleicht trotzdem, die Probleme eines modernen Lebens mithilfe von 2000 Jahre lang erprobten Lösungsschemata anzugehen. Wer’s glaubt, wird es vielleicht erleben.

Andreas Schlieper: Bibel für Ungläubige. Ratgeber für diverse Lebenslagen. 384 Seiten mit Marginalspalte. Gräfe und Unzer. München 2008. 19,90 Euro

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