Welt : Die Augen weit geöffnet

ANDREAS OSWALD

Das Thema ist sexuelle Obsession. Die Stars sind Tom Cruise und Nicole Kidman. Und der Film ist von Stanley Kubrick. Da werden die Augen des Publikums weit geöffnet sein. Es ist Kubricks letztes Meisterwerk und es wird möglicherweise der letzte große Film dieses Jahrtausends sein. Am 16. Juli startet in den USA "Eyes Wide Shut" ("Die Augen weit geschlossen"). Am 2. September eröffnet dieser Film die Filmfestspiele von Venedig, wo er außer Konkurrenz läuft - gegen Kubrick gibt es keine Konkurrenz -, und in Deutschland schließlich startet er - viel zu spät - erst am 16. September. Kubrick-Fans haben schon vor Wochen Flüge nach New York gebucht, um den Filmstart herum sind die Flugzeuge über den Atlantik voll.Im Vorfeld schwirren die Gerüchte um den Film, den bislang nur ein paar Eingeweihte sehen durften. Die Leute vom "Time"-Magazine konnten ihn sehen, die Zeitschrift gehört dem Warner-Konzern, der den Film produziert hat. Kubrick soll in einem letzten Kraftakt die Abgründe einer Ehe erkundet haben. Vorlage ist Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", 1926 erschienen.Von wilden Sexszenen ist in Gerüchten die Rede, von Gruppensex gar, aber die bislang veröffentlichten Fotos und der Trailer geben darüber keinen Aufschluß. Gesichert ist nur, daß Kubrick in Erwartung der strengen US-Richtlinien in der US-Version seines Films 65 Sekunden - es sind angeblich die Sensationellsten - digital so überarbeitet hat, daß der Film dem "X-Rating" entgeht. Eine solche Einstufung hätte bedeutet, daß der Film ebenso wie harte Pornofilme nur in bestimmten Kinos für Erwachsene zugänglich gemacht werden könnte.Außerhalb der USA können die Zuschauer die 65 Sekunden im Original sehen, unzensiert. Wer also nach New York fliegt, um den Film zu sehen, tritt spätestens im September wieder seinen Rückflug an, um das mitzubekommen, was er verpaßt hat.Die Gerüchte gehen auf Indiskretionen zurück, die Freunde und Mitarbeiter Kubricks lanciert haben, die offenbar nach dem Tode des Meisters keine Skrupel mehr hatten, ihre Wissensvorteile auf dem Markt der Medien zu vermarkten. Der Regisseur war fünf Tage nach der Abgabe des fertigen Films gestorben.Die letzte Zeit seines Lebens verbrachte Kubrick zu einem Gutteil mit seinen Hauptdarstellern. Der veranschlagte Rahmen für die Dreharbeiten wurde um viele Monate überzogen, zwei wichtige Nebendarsteller wurden ausgetauscht. Auch der Warner-Konzern hatte eine Engelsgeduld mit Kubrick gehabt. Dieser hatte zunächst einen Holocaust-Film und schließlich einen Film über künstliche Intelligenz geplant gehabt, aber diese Projekte wieder verworfen. Schließlich verwirklichte er zu seinem Lebensende einen "kleinen Film". Aber Kubrick-Fans sind sich sicher: Auch dieses Werk wird einmalig sein, wie all die anderen Werke des Meisterregisseurs zuvor.Nicole Kidman verriet in Interviews, daß bei den intensiven Arbeiten mit intimen Szenen, in denen Abgründe der Seele und des Fleisches herausgearbeitet wurden, Kubrick zu einer der vertrautesten Personen in ihrem Leben geworden ist. Der Perfektionist Kubrick ("2001: Odyssee im Weltraum", "Shining") gilt als schwierig. Er lebte lange Jahre zurückgezogen mit seiner Familie in einer Burg in England. Kidmans Intim- und Filmpartner Tom Cruise - die beiden sind verheiratet - soll bei den emotional anstrengenden Dreharbeiten ein Magengeschwür bekommen haben.

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