• "Die Bienen sind verrückt geworden": Brüder, die Welt muss endlich besser werden

Welt : "Die Bienen sind verrückt geworden": Brüder, die Welt muss endlich besser werden

Jörg Plath

Eine der ältesten und vornehmsten Bestimmungen des Dichters lautet, Stimmungen des Herzens und der Seele seine Stimme zu leihen. Diese Funktion ist zwischenzeitlich ein wenig in Verruf geraten und wird nur noch von wenigen, seit alters her Berufenen ausgeübt. Einer ist unter ihnen mit Namen Johannes, der eine Millionengemeinde um sich schart. Sein voller Name lautet Johannes Mario Simmel. Zu den Seinen spricht der weltweit erfolgreiche Unterhaltungsschriftsteller pünktlich alle zwei Jahre durch einen umfangreichen Roman.

Nun ist außer der Reihe ein schmaler Band mit dem Titel "Die Bienen sind verrückt geworden" erschienen. In diesen "Reden und Aufsätzen über unsere wahnsinnige Welt" äußert sich Johannes Mario Simmel ganz unverblümt über das, was ihm am Herzen liegt, und siehe da, er bleibt dabei ganz das Sprachrohr seiner Leser. Wut lässt Simmel zur Feder greifen. Er protestiert gegen "die wahnsinnige Welt", gegen Klimakatastrophe, Gentechnik und Atombombe, gegen die Diskriminierung Behinderter und den Golfkrieg. Die meisten der Texte aber, die in den letzten 20 Jahren unter anderem vom "Stern", der "Zeit" und der "tageszeitung" veröffentlicht worden sind, empören sich über Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und die Apathie des Staates gegenüber Neonazis. Simmel zieht gegen Rechts und für Menschlichkeit, Menschenrechte und eine bessere Welt zu Felde.

So zahlreich schwanken die glatzköpfigen Gestalten allerdings durch seine Artikel, dass er im Nebenberuf Senior-Agitator einer antifaschistischen Putztruppe zu sein scheint. Am Nationalsozialismus, dessen Erfahrung Simmel, Jahrgang 1924 geprägt hat, misst er die Gegenwart. Beim SS-Mann Schönhuber mag das noch zutreffen, das Phänomen Haider dagegen ist so nur teilweise zu beschreiben, ebenso die Glatzen, die Asylbewerber in den Tod hetzen.

Das historische Trauma des Nationalsozialismus, das Simmel in wünschenswerter Deutlichkeit vergegenwärtigt, verleiht seiner Empörung Pathos und Würde. Will die Empörung gerechtfertigt sein, darf Gegenwart freilich nicht weniger schlimm sein. Daher ist in ihr alles "absolut", "tödlich", "unbedingt", "unendlich", "grauenvoll", "ungeheuer", "niemals endend". Simmel steht immerfort mit dem Rücken zur Wand. Keine Hoffnung, nirgends.

Da die da oben ja doch machen, was sie wollen, enden die Artikel kraftlos mit der Warnung vor dem sicheren Untergang, mit bitterer Lakonie oder der hilflosen Geste des "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Meist aber appelliert Simmel an Staat und Politiker, endlich zu handeln. Simmel versetzt die historische Lehre aus dem Nationalsozialismus also mit Menschlichkeit und dem autoritär-kleinbürgerlichen Pathos der Vergeblichkeit.

Diese Mischung brachte ihm in den 80er Jahren endlich die ersehnte Anerkennung des Feuilletons ein, das im Unterhaltungsschriftsteller den "Chronisten unser Zeit" ehrte. Mit seinen publizistischen Äußerungen "Die Bienen sind verrückt geworden" spricht dieser Chronist wiederum vielen aus dem Herzen. Man darf den Band wohl ohne Zurückhaltung als das zentrale Werk zum "Aufstand der Anständigen" (Gerhard Schröder) bezeichnen.

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