Welt : „Die Deutschen kommen“

In der Schweiz stellen die Nachbarn schon elf Prozent der Bevölkerung. Die Leistungsträger wandern ab

Jan Dirk Herbermann,Dagmar Rosenfeld

145 000 Menschen, das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl Heidelbergs, sind laut Statistik im vergangenen Jahr aus Deutschland abgewandert. Das sind rund 60 Prozent mehr als noch Anfang der 90er Jahre. Experten fürchten, dass Deutschland von einer Auswanderungswelle erfasst wird, zumal die Wirklichkeit noch dramatischer ist, als die offiziellen Zahlen suggerieren. Weil viele Auswanderer vergessen, sich bei den deutschen Behörden abzumelden, werden sie von der Statistik gar nicht erfasst. So vermuten Fachleute, dass schon jetzt jährlich eine Viertelmillion Deutsche das Land verlassen.

Große Auswanderungswellen hat es immer gegeben, in Deutschland zum Beispiel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Doch anders als damals, stammen die Auswanderer nicht aus den unteren sozialen Schichten, sondern es sind die Jungen, Gebildeten und Leistungsfähigen, die gehen. Zumeist, weil ihnen die berufliche Perspektive in Deutschland fehlt. Für ein Land, in dem immer weniger Kinder geboren werden, ist das fatal. Für eine Wirtschaft, der in den kommenden Jahren ohnehin Fach- und Führungskräfte fehlen werden, ist das eine Katastrophe. Zumal aus Deutschland mehr Akademiker fortgehen, als aus dem Ausland herkommen, wie aus einer OECDStudie hervorgeht. Eine Entwicklung, die sich auch mit den Erfahrungen der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) deckt, die für das internationale Vermittlungsgeschäft der Bundesarbeitsagentur zuständig ist. Im vergangenen Jahr waren es gerade einmal sechs Führungskräfte aus dem Ausland, die die ZAV nach Deutschland holen konnte. Umgekehrt aber vermittelte sie fast 1100 deutsche Führungskräfte ins Ausland.

Das beliebteste Auswanderungsland der Deutschen ist zwar nach wie vor Amerika, doch zieht es auch immer mehr in die unmittelbare Nachbarschaft, zum Beispiel in die Schweiz. Von Mai 2005 bis April 2006 gingen 13 345 Bundesrepublikaner dorthin. Damit belegen die Deutschen den Spitzenplatz der Einwanderer, insgesamt stellen sie rund elf Prozent der „ausländischen Wohnbevölkerung“ in der Schweiz. „Wir beobachten über Jahre eine immer stärker werdende Entwicklung: Die Deutschen kommen“, fasst Dominique Boillat vom Bundesamt für Migration in Bern zusammen.

Die Zuwanderer finden fast überall Jobs, im Finanzsektor, in der Industrie, im Handwerk. Und im Gesundheitswesen geht fast nichts mehr ohne sie: Im angesehenen Berner Inselspital stammt fast ein Drittel der Mediziner aus Deutschland. Die Gründe, warum immer mehr Auswanderer in die Schweiz gehen, sind meist wirtschaftliche. „Der Nettoverdienst ist hier viel höher als in Deutschland“, sagt ein Angestellter einer Schweizer Bank. Zudem ist die Konjunktur robust, die Wahrscheinlichkeit den Job zu verlieren gering. So liegt die Arbeitslosenquote bei 3,1 Prozent. Außerdem: „Die Deutschen integrieren sich sehr leicht“, sagt Francis Matthey, Präsident der Eidgenössischen Ausländerkommission.

Kennen auch Sie Auswanderer, oder haben selbst schon mit dem Gedanken gespielt, Deutschland zu verlassen? Dann schreiben Sie über ihre Erfahrungen unter Diskussion zum Thema unter www.tagesspiegel.de/auswanderung .

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