Welt : Die Erben des roten Korsaren

Vor allem in Indonesien haben Piraten Hochkonjunktur. Statt mit Säbeln und Augenklappen kommen sie mit Maschinengewehren

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Jakarta

Die Piraten von heute tragen zwar keine Säbel mehr, aber im Prinzip gehen sie so vor wie die Seeräuber in alten Filmen: Sie kapern Schiffe, morden, stehlen alles, was sie tragen können oder entführen das ganze Boot. Meist laufen die Überfälle nach klassischem Muster ab: Ein kleines Boot macht an der Seite eines großen Schiffes fest; ein Dutzend Männer klettert mit Hilfe von Seilen an Bord. Dort ist die Besatzung entweder unbewaffnet oder hat nur eine Pistole. Das kann die Gangster kaum beeindrucken – denn sie tragen oft Maschinengewehre.

Die jüngsten Verbrechen sind jedoch keine seltenen Überbleibsel aus vergangener Zeit: Piraterie feiert weltweit ein Comeback. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Vorfälle verdreifacht. Das „Internationale Maritime Büro" (IMB) mit Sitz in London sammelt Piraterie-Berichte. In diesem Jahr kommen dort so viele Meldungen an wie nie zuvor: 234 Überfälle auf See gab es in den ersten sechs Monaten. Auch die Brutalität nimmt zu: In der ersten Jahreshälfte töteten Piraten 16 Seeleute, 52 wurden verletzt. Weitere 20 Matrosen werden vermisst. Möglich, dass einige von ihnen festgehalten werden, denn auch Geiselnahmen auf See kommen immer häufiger vor. Im letzten halben Jahr nahmen Piraten 193 Menschen gefangen, um Geld zu erpressen. Piraterie-Weltmeister sind die Indonesier. „Hinter den Überfällen stehen drei Arten von Piraten“, sagt Noel Choong vom IMB Regionalbüro in Malaysia, „wir nennen sie Opportunismus-Piraten, Organisations-Piraten und Syndikat-Piraten.“ Laut Choong sind die „Opportunisten“ kleine, autonome Gruppen, die alles nehmen, was sie kriegen können und schnell wieder abziehen. Die „Organisierten“ gehören zu Piratenringen. Sie entführen die Schiffe, bringen sie zu einem eigenen Frachter und laden dort die Fracht um. Die „Syndikat-Piraten“ klauen das ganze Schiff, streichen es um und registrieren es mit gefälschten Papieren unter neuem Namen.

Knapp ein Drittel aller Überfälle findet in indonesischen Gewässern statt. Das größte Archipel der Welt hat 18 108 Inseln mit 108 920 Kilometer Küste. Indonesiens Polizei und die Marine patrouillieren nur mit ein paar alten Schiffen. Kein Wunder also, dass indonesische Piraten in ihrer Heimat mehr oder weniger machen können, was sie wollen. Eine Auswahl aus diesem Monat: Überfall auf Fischkutter, Kapitän erschossen, Fracht geklaut. Öltanker gestürmt und ausgeraubt, Kapitän und zwei Seeleute als Geiseln genommen, 100 000 US Dollar Lösegeldforderung. Fischkutter gekapert, Kapitän erschossen, Ladung und alle technischen Geräte geklaut.

„Wir tun, was wir können“, versichert der Sprecher der indonesischen Marine, Adiaman Amir Saputra, „aber es ist schwer, weil wir so viele Schiffe schützen müssen." In der Tat gibt es für indonesische Piraten genug potenzielle Beute. Zwischen Indonesien, Singapur und Malaysia verläuft die Seestraße von Malakka, die den Indischen Ozean und den Pazifik verbindet. Hier sind auf Tausenden Schiffen Güter unterwegs, die ein Viertel des Welthandels ausmachen. Das relativiert die Horrorberichte ein wenig: „Nur ein kleiner Prozentsatz der Schiffe wird überfallen“, sagt ein Spediteur in Jakarta, „das Risiko ist überschaubar. Das sieht man auch daran, dass Versicherungen Piraterie noch abdecken.“

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