Welt : Die ewig Wütende

Sabrina Setlur schimpft viel, des Rapper-Images wegen. Nur manchmal zeigt sie ein anderes Gesicht

Andreas Grosse

Sie ist wieder da und immer noch wütend. Am Montag dieser Woche war Sabrina Setlur in ihrem Element, da stand sie wieder auf einer Fernsehbühne, der der ProSieben-Castingshow „Popstars". Und schnauzte eines ihrer neuen Lieder in die Kameras, so wie sie das seit bald zehn Jahren tut – laut, rotzig, unüberhörbar. „Die Auserwählte" heißt der Song. Keine Frage, wen die 29-Jährige damit meint. Sich selbst. Es war seit Wochen eine Art fortgesetzte Comeback-Ankündigung Sabrina Setlurs. Und in den letzten Tagen war sie nahezu ununterbrochen präsent: in den Talkshows wie in den Musiksendern, die auch den Song „Ich bin so“ hoch und runter spielen.

Bald drei Jahre hat Deutschlands erfolgreichste Rapperin musikalisch pausiert, und nun sah man sie seit dem Spätsommer als Jurymitglied von „Popstars" wöchentlich zwischen dem Choreografen Detlef D! Soost und dem ehemaligen Nena-Musiker Uwe Fahrenkrog-Petersen Urteile über Sangestalente treffen. Für eine Frau, die in ihrer Karriere zwei Millionen Platten verkauft und stets von der eigenen Authentizität als Künstlerin fantasiert hat, eigentlich eine Zumutung. Tatsächlich aber glaubte die Frankfurterin offenbar, sich dem Publikum in Erinnerung bringen zu müssen, und zwar in ihrem angestammten Metier. Denn den meisten war sie trotz ihrer musikalischen Erfolge erst seit zwei Jahren ein Begriff – als kurzzeitige Becker-Gespielin. Die Liebschaft zwischen ihr und dem einstigen Tennishelden produzierte gewaltige Schlagzeilen. Nach ein paar Monaten war alles vorbei, und Sabrina Setlur musste sich von Boris Becker hernach öffentlich nachsagen lassen, ihre hervorstechendsten Talente seien „nicht jugendfrei". Vor allem die mediale Dauerbewachung in dieser Zeit hat die verbal stets austeilfreudige Rapperin offenbar tief verstört: Von „Misshandlung" und „Vergewaltigung" durch die Medien spricht Setlur in den Interviews, die sie nun zur Veröffentlichung ihres in dieser Woche erschienenen vierten Albums „Sabs" gegeben hat. Gerüchte aber, sie habe nach der Becker-Affäre unter Magersucht und Depressionen gelitten, nennt sie allesamt unwahr.

Trotzdem hat man sie bei „Popstars" von einer emotional bislang unbekannten Seite gesehen: Geweint hat sie da oft, aus Rührung vor den Darbietungen der Kandidaten, wie die sich um die Aufnahme in die ach so glamouröse Musikindustrie stritten.

Dorthin, in die Hitparaden, wo Setlur längst schon angekommen ist und wofür sie bislang stets die toughe Rapperin gemimt hat – immer gemäß den Genrekonventionen des HipHop. Die Erfahrungen der letzten beiden Jahre scheinen an Setlurs selbst gewählter Außendarstellung als Musikerin nichts geändert zu haben: Das hypertrophe Image der ewig schnoddrigen, unentwegt wutschnaubenden Frau im Designeroutfit hat sie auch auf ihrem neuen Album nicht abgelegt. Womöglich fürchtet sie, eine wahrhaftigere, verletzlichere Sabrina Setlur könnte ihr Publikum nicht goutieren. Oder sie betrachtet ihre Erfahrung in den Klatschspalten als Bestätigung ihres bisher so gut verkäuflichen Weltbildes, in dessen Zentrum die von Feinden umstellte, sich immerzu gegen Widerstände durchsetzen müssende Rapperin steht.

Vielleicht aber kann Sabrina Setlur auch einfach nicht anders, als ewig wütend zu sein. Worauf ist da eigentlich egal.

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