Welt : Die fremde Kaste

In Indien werden zunehmend Eunuchen gewählt – sie gelten als unbestechlich. Ihre Gegner schlagen jetzt vor Gericht zurück

Axel Schock

Darf ein Eunuch politische Ämter bekleiden? Fast ein Jahr lang zog sich der Rechtsstreit hin. Es galt zu klären, ob der erste in Indien als Bürgermeister gewählte Eunuch sein Amt wieder verlieren sollte. Kamla Jaan Mausi, die sich als Frau bezeichnet, war vor drei Jahren mit großer Mehrheit zur Bürgermeisterin der Stadt Katni im Bundesstaat Madhya Pradesh gewählt worden. Ein Gericht entschied jetzt nach den Angaben amtlicher Dokumente: In denen wird Mausi als „Sohn" ihrer Eltern geführt. Deshalb muss die 42-Jährige ihren auf Grund der Frauenquote für eine Kandidatin reservierten Bürgermeisterposten der 200 000 Einwohner-Stadt unweit von Delhi wieder räumen.

Ein Urteil mit weitreichenden Folgen, denn Kamla Jaan Mausi sieht sich weder als Mann noch als Frau, sondern als Hijra (sprich: Hidschra). Was im Hindu soviel wie „nicht potent" bedeutet, wird landläufig als Eunuch übersetzt, genau genommen ist in Indien wie auch in Pakistan damit eine Menschengruppe gemeint, die sich selbst als eine Art „Drittes Geschlecht" versteht. Es sind Inter- und Transsexuelle, aber auch Homosexuelle, die sich tatsächlich kastrieren lassen, weil sie glauben, nur als „Frau" einen Platz in der Gesellschaft finden zu können. Manche würde man im westlichen Verständnis als Transvestiten bezeichnen. Mit einem entscheidenden Unterschied, wie die Indologin Renate Syed an Ludwig-Maximilians-Universität München erklärt. „Während die meisten westlichen Transvestiten sexuell Frauen bevorzugen, häufig verheiratet sind und sich nur hin und wieder, oft nur heimlich als Frauen herrichten, leben die Hijras immer als «Frauen», ihre Partner sind ausnahmslos Männer oder Hijras."

Wie viele Hijras es gibt, vermag keiner so genau zu sagen. Die Schätzungen reichen von 500 000 bis fünf Millionen allein in Indien. In Pakistan leben vermutlich weitere 600 000.

Kamla Jaan Mausi entstammt einer bürgerlichen Familie, der Vater war ein hoher Polizeibeamter. Weil die Geschlechtsorgane nur mangelhaft und uneindeutig ausgebildet waren, wurde Mausi als Kind von seinen Mitschülern gehänselt. Im Alter von elf Jahren verließ er seine Familie, schloss sich den Hijras an, änderte den Namen und trug fortan, wie es die Tradition verlangt, nur noch Frauenkleidung.

Die Gerichtsentscheidung im indischen Unionsstaat Madhya Pradesh wurde nicht nur von den Hijras mit großer Enttäuschung und Frustration aufgenommen. Auch die Wähler fühlen sich um eine Chance betrogen, wenigstens einen ernsthaften Versuch zu erleben, die Missstände auf kommunaler Ebene zu beseitigen.

In der Mythologie verwurzelt

Mausi, war die erste Hijra in der indischen Geschichte, die für ein Amt gewählt worden ist. Sie ist nicht die einzige geblieben. Mittlerweile konnten sich bei Kommunalwahlen noch mindestens vier weitere gegenüber Kandidaten der etablierten Parteien durchsetzen, ein weiterer Hijras ließ sich gar als Kandidat im Parlament des Bundesstaates Madhya Pradesh aufstellen. Längst hatte man damit begonnen die Gründung einer eigenen, landesweiten Partei vorzubereiten.

Denn gewählt wurden die Hijras keineswegs nur von ihresgleichen, sondern von Wählern aus allen Schichten der Bevölkerung. Erst vor einigen Jahren hatte die Wahlkommission entschieden, dass Hijras wie Frauen anzusehen seien. Die Hindupartei jedoch focht – mit Erfolg – die Wahlsiege der Eunuchen an. „Jeder weiß, dass Hijras mehr Männer als Frauen sind", so ein Parteisprecher gegenüber der „Times of India".

Kamla Jaan, die sich gegen zwei Konkurrentinnen durchgesetzt hatte, galt als Hoffnungsträgerin für all jene Wähler, die genug von Misswirtschaft und Korruption unter den Politikern hatten. Dass sich viele nun ausgerechnet von Hijras eine Veränderung der Verhältnisse erhoffen, erzählt viel von der Verzweiflung der Menschen. „Hijras sind ehrlicher als andere Politiker", sagt Nandlal Gunwai von der „Vyapari People Party", die sich wie auch die älteste Partei des Landes, die „Congress Party", bemüht, gezielt Hijras anzuwerben. Zuvor waren Hijras grundsätzlich als Parteimitglieder ausgeschlossen, nun gelten sie plötzlich als Kandidaten mit ungewöhnlichem Wählerpotenzial. Weil Hijras keine Familie haben, die sie ernähren, keine Verwandten, für die sie Posten besorgen, keine Kinder, für deren Zukunft sie sorgen müssen, sehen viele Inder sie als die einzigen Politiker, die nicht korrupt sind.

Nach der Wahl mehrerer Hijras spricht die „Times of India" bereits von einer „Revolution der Eunuchen". Überraschend ist der gewachsene Respekt und Einfluss der Hjiras vor allem, wenn man deren bisherige Stellung und Rolle in der Gesellschaft betrachtet. Hijras gelten als unrein und leben deshalb auch außerhalb der Kastengesellschaft. Niemand lädt sie ein, keiner will sie persönlich kennen. Manche bewundern sie für ihre extravagante, extrovertierte Lebensweise, die meisten aber verspotten und verachten sie. Sie gelten als streitsüchtig, pervers und lasterhaft. Aber: Man fürchtet sie auch. Denn die Tradition der Hijras reicht tief in die indischen Gesellschaft hinein. In der Geschichte haben die Eunuchen ihren Platz als Haremswächter der Mogul-Kaiser und der Frauenhäuser der Maharadschas. Sie wurden berühmt als Sänger und Tänzer, manche sogar als Spione oder politische Berater. Sie machten auch Geschichte als Hundezüchter: Was wir heute als Mops kennen, soll das Ergebnis eines Zuchtwettbewerbes, an dem 4000 Eunuchen teilnahmen. Die Hijra-Kultur ist tief mit der indischen Mythologie verwurzelt. Jeden Herbst feiern die Hijras den heldenhaften Krieger Avran, der sich mit Gott Krishna vermählt haben soll. Krishna hatte sich zuvor dafür eigens in eine Frau verwandelt. Bereits in medizinischen Texten aus der Zeit von 1000 v.Chr. wird über Hijras berichtet. Auch Juristen haben sich schon sehr früh mit dem Phänomen beschäftigt und festgelegt, dass Menschen des „Dritten Geschlechts" nicht erbberechtigt sind, von der Kaste ausgestoßen sind und den Göttern keine Opfer darbringen dürfen.

Deshalb wechseln die meisten Hijras zum Islam über, begehen aber weiterhin die großen hinduistischen Feiern. Ihr Leben ist streng reglementiert. Sie leben in selbstgewählten Familien unter ihresgleichen. Das Oberhaupt dieser Lebensgemeinschaft, der „Guru", führt die Gruppe streng patriarchalisch. Ihren Lebensunterhalt bestreiten die Hijras weitgehend durch Betteln. Sie ziehen grell geschminkt, in auffallend bunten Saris gekleidet, lärmend und krakeelend durch den Basar. Dabei belästigen sie die Ladenbesitzer so lange mit Schmähreden und obszönen Liedern, bis man ihnen eine „Gabe" überreicht und sie weiterziehen. „Sie beleidigen und spotten aber nicht etwa aus einem inneren Bedürfnis heraus, sondern weil es die Tradition so will. Es ist ihr Job", so Renate Syed, eine Indologin, die sich mit der Kultur der Hijras beschäftigt und gerade eine Buchveröffentlichung zu diesem Thema vorbereitet. Hijras haben im Laufe der Jahrhunderte die Schlagfertigkeit kultiviert und die Sprache zu ihrer Waffe im tagtäglichen Kampf gemacht. Bei ihren Zügen durch die Straßen erkennen sie sofort die Windeln Neugeborener auf den Wäscheleinen und erfahren von jeder Hochzeitsfeier im Umkreis, denn auch hier können sie Geld verdienen. Sie segnen, gegen einen Obolus, die Kinder und das frischvermählte Ehepaar. Niemand würde wagen, ihnen die „Spende" zu verweigern, wäre doch zu befürchten, dass der Ehemann verflucht und dadurch impotent würde. Oder aber das Kind würde nachts geraubt und ebenfalls zu einer Hijra gemacht.

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