Welt : Die Gefahr fährt mit

In Laos sind immer mehr Menschen mit Auto und Motorrad unterwegs – doch die Straßen machen sicheres Reisen unmöglich.

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On the road again. Sithat (links) und Soudchai haben ihre Beine bei Verkehrsunfällen verloren. Das Rehazentrum half ihnen, ihren Alltag zu bewältigen. Sithat wollte keine Prothese, Soudchai trägt eine – und fährt wieder Moped. Foto: Ingrid Müller
On the road again. Sithat (links) und Soudchai haben ihre Beine bei Verkehrsunfällen verloren. Das Rehazentrum half ihnen, ihren...

Soudchais Gefühle sind nicht leicht zu ergründen. Die Laotin verschließt alle Regungen hinter einem fast unbewegten Gesicht. Auch jetzt, als sie von ihrem Verkehrsunfall erzählt. Davon, wie sie ihr rechtes Bein verlor. Soudchai gehört zu einer Gruppe von Unfallopfern, die ihre bitteren Erfahrungen nutzen wollen, um andere aufzuklären und so die Straßen des kleinen asiatischen Landes sicherer zu machen. Sie hat schon oft von dem Unfall erzählt. Doch jetzt laufen Tränen über die Wangen der 41-Jährigen. Zum ersten Mal erzählt sie, dass sie durch den Unfall nicht nur das Bein, sondern auch ihre Mutter verlor: Die hat sie damals verstoßen. Dabei hatte sie nach ihrer Scheidung und dem Unfall so sehr auf die Mutter gehofft. Zum Verhängnis wurde der Bäuerin aus dem Nordenwesten des Landes ein Neujahrsausflug 1999. Ihr Moped ließ sie zurück, stieg wie so viele es in Laos jeden Tag tun, mit ihren Freunden auf einen Truck. 30 Leute waren sie, aber der Fahrer war betrunken, in einer Kurve kippte der Laster um, erzählt sie im Büro der Behindertenhilfsorganisation Handicap International (HI), die die Gruppe betreut. Drei seien gleich tot gewesen, drei später gestorben, sie selbst habe wohl nur überlebt, weil sie in ein Krankenhaus im nahen Thailand eingeliefert wurde. „Das nächste Hospital in Laos war eine Tagesreise entfernt.“ Eigentlich hatte auch die Mutter zum Neujahrsfest mitkommen wollen. „Aber sie hatte ein schlechtes Gefühl und blieb zu Hause.“

Als Soudchai nach einem Monat aus dem Krankenhaus kam, war die Stimmung daheim schlecht. Sie presst ein Taschentuch an die geröteten Augen. Jetzt hat sie davon angefangen und will die Geschichte trotz Tränen zu Ende erzählen. Sie habe ihrer Mutter mit ihrem Geld geholfen, ein eigenes Haus zu bauen. Als sie die Mutter aber nach dem Unfall um Geld gebeten habe, um eine Prothese in Thailand bezahlen zu können, habe die Mutter abgelehnt. Ihr gehöre nichts, habe sie gesagt. „Ich sollte nicht mehr in ihr Haus kommen.“ Für Soudchai brach ein weiteres Mal eine Welt zusammen. Dem Bruder gebe ihre Mutter aber Geld. „Meine Mutter hat mich nicht mehr geliebt.“ Soudchai wollte sich umbringen. In dem kleinen Büro ist es jetzt sehr still. Davon wussten die Betreuer nichts.

Ein paar Monate flocht Soudchai Körbe, Verwandte ihres Vaters unterstützten sie. Dann erfuhr sie vom Nationalen Rehabilitationscenter in der Hauptstadt Vientiane und dass sie dort nichts für eine Prothese zahlen müsse. Sie fuhr hin, bekam ein künstliches Bein – und blieb als Angestellte dort. Das Center, das sich auch um die unzähligen Opfer von Streubomben und Minen in dem Land kümmert, baute damals gerade ein neues Team auf.

Oft genug ist in Laos selbst das Krankenhaus nicht die Rettung. Denn häufig fehlen Blutkonserven. Die Leiterin des Handicap-Verkehrsopferprogramms erzählt, sie selbst wäre t nach einem schweren Unfall fast gestorben. Damit sich die Situation bessert, kamen aus Deutschland jüngst eine halbe Million Euro für ein Rotkreuz-Transfusionszentrum. Der deutsche Botschafter Robert von Rimscha verkündete die Spende, die zum größeren Teil vom Entwicklungsministerium, zum kleineren vom Deutschen Roten Kreuz stammt, im Rahmen eines Workshops mit drastischen Worten: „Jeder, der auf den Straßen in Vientiane unterwegs ist, weiß: Das ist gefährlich.“ Alle in dem lang gezogenen Raum unter den kalten Neonleuchten wussten, was er meint, als er hinzufügte: „Jeder Laote ist ein potentieller Nutznießer.“

Mit konkreten Opferzahlen tun sich alle schwer; es ist fraglich, ob die Daten der Polizei die Realität spiegeln. Nach Angaben des nationalen Komitees für Sicherheit auf den Straßen wurden in Laos bei gut 5000 Unfällen im Jahr 2010 790 Menschen getötet. Zahlen über Verletzte listet der Report nicht auf. Beängstigend erscheinen die Prognosen: Bis 2015 rechnen die Verantwortlichen demnach mit einer Verdoppelung der zugelassenen Fahrzeuge auf rund zwei Millionen und mehr als 7000 Unfällen und 1000 Toten. Die UN-Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifikraum (Escap) warnt: Die Zahl der Unfälle und Verletzten steigt, ebenso wie die Schwere der Verletzungen. Hinzu kommt, dass das laotische Straßennetz auf einen solchen Ansturm kaum vorbereitet ist. Nur 1,7 Prozent des Straßennetzes sind asphaltiert oder betoniert.

In vielen armen Ländern steigt die Zahl der schweren Unfälle rasant. Die Vereinten Nationen haben die Zeit bis 2020 deshalb in diesem Jahr zur Dekade der Sicherheit auf den Straßen ausgerufen. Mehr als 90 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle ereignen sich in Entwicklungsländern, obwohl dort weniger als die Hälfte der Fahrzeuge unterwegs sind. Das hat die Weltgesundheitsorganisation vor zwei Jahren ausgerechnet. Pro Stunde sterben Tag für Tag weltweit 145 Menschen bei Unfällen auf den Straßen, heißt es im UN-Aufruf. Bis 2030 könnten Verkehrsunfälle auf Platz fünf der Todesursachen liegen, und mehr Tote fordern Krebs oder Aids. Laos, ein Land mit 6,7 Millionen Einwohnern und einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 1000 Dollar pro Kopf, hat schon seit Jahren auch eigene Pläne aufgestellt. Die Umsetzung steht allerdings auf einem anderen Blatt. Das State Department mahnt Amerikaner in seinen Reisehinweisen: „Notfalldienste sind in Laos entweder nicht zuverlässig oder nicht vorhanden.“

Verkehrsregeln scheinen die meisten Laoten nicht zu kennen, auch viele Verkehrspolizisten nicht. Für Mopedfahrer gilt Helmpflicht, aber viele tragen keinen. Offiziell wird rechts gefahren, aber Mopeds – mit 80 Prozent der Fahrzeuge das Hauptverkehrsmittel in Laos – nutzen praktisch die gesamte Straße, alle fahren abenteuerlich durcheinander. Fahrspuren und -richtungen, was ist das? Munter quellen Zweiräder von allen Seiten heran, die Fahrer schenken Autos keine allzu große Aufmerksamkeit. Oft sitzen Vater, Mutter und gleich mehrere Kinder auf einem Bike, hangeln sich zwischen Lastern, Pkws und den dreirädrigen Taxis, den Tuk Tuks, hindurch. Viele haben keinen Führerschein und selbst wenn, könnte auch der einfach gekauft sein, erzählen Menschen offen, die in Vientiane leben.

Viele Verletzte werden nach Unfällen amputiert. Inzwischen sind aber viele der Amputationspatienten von „Handicap“ Verkehrsopfer – mehr als solche, die durch Streubomben oder Minen verstümmelt wurden. Von dieser Hinterlassenschaft der Kriege liegen noch viele im Boden. Das Unfallopfer-Team bemüht sich nun um eigene Daten. Es hat zum größten Krankenhaus der Hauptstadt Kontakt aufgenommen, dort zählen jetzt Schwestern die Verkehrsopfer auf ihren Stationen, Mitarbeiter registrieren an wichtigen Kreuzungen, wie viele Menschen Helme tragen. Und sie planen Schulungen, um zu verbreiten, dass man doch bitte beim Fahren nicht telefonieren soll und vorher nicht trinken.

Getrunken und danach gefahren wird in Laos offenkundig noch immer viel zu häufig. „Mein Freund hatte in der Lotterie gewonnen, das haben wir gefeiert“, berichtet Sithat. Er ist 45, Mechaniker, trägt eine knielange oliv-gemusterte Hose, T-Shirt und kurz geschnittenes Haar. Das Lao-Bier war lecker, sie wollten noch ein Dorf weiter ziehen. „Ich wusste, dass ich nicht mehr fahren sollte, aber ich habe es trotzdem gemacht.“ Der Freund saß hinten drauf, an einer Ecke passierte es dann. „Mein linkes Bein lag 30 Meter weiter“, erzählt auch Sithat mit fast reglosem Gesicht. Sie hätten seine Mutter angerufen, weil sie Angst hatten, bestraft zu werden. „Mein Bruder und meine Mutter haben mich und mein Bein mitgenommen.“ Er wollte das alles gar nicht glauben, als er zu sich kam, sagt er. „Ich wollte aufstehen, aber ich bin aus dem Bett gefallen. Das Bein war weg. Er wurde wieder bewusstlos.

Nach einem Monat haben sie ihm eine Prothese angepasst, aber das neue Bein war schwer, er hat es bald nicht mehr benutzt. Auch ein Alubein überzeugte ihn nicht. Er hat sich dann doch für eine Krücke entschieden. Ihn hat die ganze Familie unterstützt. Seine kleine Mopedwerkstatt hat er nach dem Unfall aber dicht gemacht, nur manchmal übernimmt er noch Reparaturen. Im Frühjahr 2001 kam Sithat ins Rehabilitationscenter. „Da haben wir uns getroffen“, sagt er und lacht breit über den Tisch zu Soudchai herüber. Schon im September haben die beiden geheiratet.

Heute verdient bei ihnen Soudchai das Geld, sie muss jetzt los. Draußen setzt sie sich einen türkisfarbenen Helm auf – sie fährt längst wieder selbst Moped. Ihre steife Prothese hält sie nicht davon ab. Am Schutzblech hat sie aber einen kleinen Aufkleber angebracht: eine durchgestrichene Flasche ist darauf zu sehen. Sithat stützt sich auf seine Krücke und lächelt.

Viele amputierte oder gelähmte Unfallopfer suchen lange nach einer neuen Arbeit. Nur wenige kommen wie Soudchai in einem Rehacenter unter. Die meisten gehen kaum mehr aus dem Haus, viele schämen sich. Bei „Handicap“ versuchen sie, ihnen Perspektiven aufzuzeigen. Vor einiger Zeit hat der Programmverantwortliche im Fernsehen ein Interview mit einem Entenzüchter gesehen. „Ich habe mir den Namen aufgeschrieben und ihn angerufen.“ Heute sitzen gut 20 Verkehrsopfer unter einem Wellblechdach vor dessen Haus. „Wir können sie nur einen Tag schulen, nur das Nötigste“, sagt Sichanh, während seine Kollegin Anousine bei gut 30 Grad im langärmeligen rosa Pulli (in Laos ist Winter) an einer Tafel zusammenfasst, was sie heute alles gelernt haben. Auch Mikrokredite können beim Start ins neue Geschäft helfen. Züchter Sonemany schreibt noch seine Telefonnummer dazu, mahnt: „Spart nicht an der Gesundheitsvorsorge für die Tiere“ und hält eine Dose hoch. „Wenn eine Krankheit ausbricht, könnt ihr schnell alle Tiere verlieren.“

Die Stimmung ist aufgekratzt. Rollstuhlfahrer Phonesavanah holt sich heute nur noch weitere Tipps. Er hat im Sommer mit 26 Enten angefangen. 600 000 Kip, umgerechnet rund 75 Dollar, hat er investiert. „Als ich die Enten nach zwei Monaten verkauft habe, habe ich 1,3 Millionen Kip (160 Dollar) eingenommen.“ Der 55-Jährige strahlt, bei ihm hilft die Familie mit. Er hat Glück gehabt. Im Moment ist die Nachfrage nach Enten in der Hauptstadt groß. Viele hier hoffen auf gute Geschäfte. Ein Regierungsangestellter verdient im Monat umgerechnet 100 bis 200 Dollar, bei einer internationalen Organisation kann man auf 400 bis 500 kommen, rechnen sie vor. Eine gut gehende Entenfarm kann mehr bringen. Der Chef des Hofs, auf dem sie heute zu Gast sind, komme wohl auf 400 Dollar die Woche.

Auf einen satten Gewinn hoffen auch Khamla und Anouseth. Die 31-Jährige hat ein verkürztes Bein, bisher verkaufte sie billige T-Shirts und Röcke im Auftrag, jetzt wollen sie ihre eigenen Herren sein. Ihr Mann, 36, sitzt seit einem Mopedunfall vor elf Jahren im Rollstuhl. Er trägt Nike-Kappe, Adidas-Shirt, koreanische Polizeijacke, eine Decke mit Zebramuster verhüllt die Beine, die er am Rollstuhl festgebunden hat. 40 Enten haben sie gekauft, aber die sind erst ein Kilo schwer. Das reicht noch nicht zum Verkauf. Jetzt müssen sie sich wieder um die Tiere kümmern.

Minuten später knattern sie auf einem Moped davon: Der Rollstuhl ist hinter der Sitzbank verstaut, Anouseth gibt Gas, Khamla sitzt seitlich –auf dem Kopf einen Stohhut. Gegen die Nachmittagssonne.

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