Die Geschichte : Der Eisheilige

Mehr als 5000 Jahre lag er in seinem frostigen Grab, bis ihn der Gletscher 1991 freigab: Wanderer entdeckten einen Toten aus der Jungsteinzeit in den Ötztaler Alpen.

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So könnte der Mann, der heute Ötzi heißt, vor 5300 Jahren ausgesehen haben. Gefunden wurde er... Foto: South Tyrol Museum of Archaeology, OchsenreiterWeitere Bilder anzeigen
Foto: South Tyrol Museum of Archaeology, Ochsenreiter
16.09.2011 15:22So könnte der Mann, der heute Ötzi heißt, vor 5300 Jahren ausgesehen haben. Gefunden wurde er...

Alleine findet man die Stelle nicht. Man kann mit dem Auto das ganze Ötztal durchfahren, bis hoch ins Bergdorf Vent, kann am nächsten Morgen früh losmarschieren, durchs hinterste Niedertal an mehreren Hütten vorbei, an vielen Schafen und Geröllhängen und kleinen Gletscherbächen, kann sich an den rot-weiß-markierten Steinen orientieren, erst Richtung Similaun-Gipfel, dann rechts abbiegen, dabei schwitzen und schwer atmen und sich wünschen, man hätte mehr als nur einen Liter Wasser mitgenommen. Nach einer Pause kann man sich weitermühen, einen neuen Hang hinauf, über ein Stück Gletscher bis auf das Tisenjoch in 3200 Meter Höhe zu dem aufgeschichteten Denkmal, einer schmalen Steinpyramide, und sich in ein Buch eintragen, um zu beweisen, dass man tatsächlich dort gewesen ist. Und wenn man all das getan hat, dann ist man trotzdem bloß: am Fundort vorbeigelaufen.

Nein, man muss schon einen wie Luis Pirpamer dabeihaben. Der war bereits vor 20 Jahren hier. Und seitdem immer wieder. Pirpamer zeigt mit dem Wanderstock Richtung Nordosten auf eine unauffällige Felsrinne, ein halbes Fußballfeld entfernt. „Da drüben.“

Luis Pirpamer ist 74 und Österreichs berühmtester Bergführer. Er war auf dem Kilimandscharo, in Nepal, auf dem K2. Vor allem aber gehört ihm die Almhütte, durch deren Tür am Nachmittag des 19. Septembers 1991 ein Nürnberger Ehepaar tritt. Sie seien beim Wandern vom Weg abgekommen, sagt die Frau. Dabei hätten sie eine Leiche entdeckt. Vielleicht. Es könne sich aber auch um eine Schaufensterpuppe handeln. Es wird noch fünf Tage brauchen, bis der erste ahnt, dass Familie Simon einer der bedeutendsten prähistorischen Funde Europas gelungen ist. Einer, der die Region weltweit bekannt macht und Initialzündung wird für eine ganze Ötzi-Industrie. Mit Freiluftmuseen, Büchern, Filmen, Vortragsreihen und hunderten wissenschaftlichen Publikationen, die alle im Grunde zwei Fragen nachgehen: Wer war der Mann, dessen Hinterkopf im Spätsommer 1991 aus dem Schnee ragt – und warum musste er sterben?

Die Frage, die Luis Pirpamer zunächst beschäftigt, lautet: wohin mit der Leiche? Er telefoniert mit der Gendarmerie in Tirol und dann mit den Carabinieri in Südtirol. Jemand muss zum Fundort kommen, den Toten bergen. Die Italiener sagen, das sollen die Österreicher erledigen. Am nächsten Tag steigt Luis Pirpamer hinauf, mit Franz, dem Schwiegervater seines Sohnes. Sie bedecken die Leiche mit einer Plane, legen Schnee und Eis drauf. Es ist ein heißer Sommer 1991, der Wind hat Sand aus der Sahara angeweht, das beschleunigt die Gletscherschmelze. Fragt man Luis Pirpamer heute, ob ihn der Anblick damals geekelt habe, die dunkelgefärbte Haut, die leeren Augenhöhlen, dann lächelt der Mann milde, als hätte man soeben die abwegigste Frage der Welt gestellt. „Er roch auch gar nicht.“ Luis Pirpamer war damals Chef der Bergrettung, hat dutzende Menschen aus Gletscherspalten gezogen, der Anblick eines Toten schockt ihn nicht. Allein im Hitzesommer 1991 geben die Gletscher der Ötztaler Alpen elf Leichen frei. Zehn davon sind rasch vergessen.

Wie Ötzi nach Innsbruck kam, lesen Sie im zweiten Teil.

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