Die Geschichte : Der Sieg von Tannenberg

Diese Schlacht kennt jedes polnische Kind: 1410 standen sich in Masuren zwei Heere gegenüber – und die deutschen Ritter wurden geschlagen. Unser Autor wuchs dort auf und erklärt Polens großen Mythos

Artur Becker
Die Schlacht wird jedes Jahr nachgespielt, hier eine Aufführung von 2009. Foto: picture-alliance/ dpa
Die Schlacht wird jedes Jahr nachgespielt, hier eine Aufführung von 2009.Foto: picture-alliance/ dpa

Als ich ein kleiner Junge war, in der Volksrepublik Polen der 70er Jahre, trug ich auf dem Spielplatz den Spitznamen Hans – wegen meiner deutschen Großmutter väterlicherseits. Und so musste ich, wenn wir wieder einmal Krieg spielten, in die Rolle des Bösewichts schlüpfen: Ich war dann ein Kreuzritter des Deutschen Ordens, bewaffnet mit Schwert und Schild. Wir schlugen die Schlacht bei Tannenberg, eine der größten Schlachten des späten Mittelalters. Meine Spielkameraden, oder in diesem Fall: meine Gegner, waren trotzdem mit modernsten Waffen ausgerüstet, zum Beispiel mit einer Spielzeugversion des T 34, eines sowjetischen Panzers aus dem Zweiten Weltkrieg. Dagegen konnte ich mit meinem Schwert natürlich wenig ausrichten. Unsere Schlacht endete wie das historische Vorbild: Die Deutschen – also ich – verloren, die Polen gewannen.

Die Schlacht bei Tannenberg (in Polen ist sie als Schlacht bei Grunwald bekannt) gehört seit dem 19. Jahrhundert zum Nationalmythos meines Landes. Am 15. Juli 1410 standen sich dabei zwei Heere gegenüber: auf der einen Seite der Deutsche Orden unter Hochmeister Ulrich von Jungingen, auf der anderen die gemeinsame Streitmacht des polnischen Königs Jagiello und des litauischen Großherzogs Witold. Die Niederlage der deutschen Seite leitete damals den Aufstieg Polen-Litauens zur europäischen Großmacht ein.

Ich erinnere mich daran, dass das genaue Datum der Schlacht vielen meiner Mitschüler schon in der Grundschule bekannt war. Zumal ich ganz in der Nähe des Schlachtfelds aufgewachsen bin: in der Woiwodschaft Ermland und Masuren, dem ehemaligen Ostpreußen, dem Land der Kiefernwälder und über 3000 Seen, der Mücken und Hummeln, der Regenwürmer und schwarzbunten Kühe. Dort zeugen alte Backsteinburgen und Schlösser, die oft direkt am Ufer der Seen und Flüsse stehen, bis heute vom Einfluss der Kreuzritter.

Der Ärger mit den Deutschen begann Anfang des 13. Jahrhunderts. Damals holt Herzog Konrad von Masowien die Kreuzritter des Deutschen Ordens nach Polen – sie sollen ihm bei der Christianisierung heidnischer Balten helfen. Der Orden wird mit seiner militärisch-missionarischen Aufgabe schnell fertig, und es beginnt sein rasanter Aufstieg, nicht zuletzt dank päpstlicher Unterstützung. Innerhalb weniger Jahrzehnte entsteht eine Art Gottesstaat, der immer mächtiger wird. Der Hauptsitz der Kreuzritter wird von Venedig in die Marienburg an der Nogat verlegt.

Der Orden zeigt seinen unstillbaren Hunger nach Macht und Land insbesondere in Pommerellen, an dessen Meeresküste Danzig verführerisch prangt, wie auch in Westlitauen und Kujawien. Es kommt zu vielen Grenz- und Eroberungskriegen. Um dem Ordensstaat Einhalt zu gebieten, tun sich Polen und Litauer zusammen. Der litauische Großfürst Jagiello lässt sich taufen und zieht nach Krakau in die Wawel-Burg – als König von Polen.

Wer wird nun die Vormachtstellung im baltischen Raum erringen? Beide Seiten drängen auf eine Entscheidung. Das Schlachtfeld in der Nähe sowohl von Tannenberg (polnisch: Stebark) als auch von Grunwald (deutsch: Grünfelde) sucht Hochmeister Ulrich von Jungingen, der dem schwäbischen Adel entstammt, persönlich aus. Beide Armeen können sich in den nahe liegenden Wäldern verstecken. Die Schlacht selbst beginnt gegen Mittag, in sommerlicher Hitze, und dauert bis zum Abend. Es gibt drei Hauptphasen, in der zweiten scheint es sogar, als würde der Deutsche Orden gewinnen. Doch schließlich geraten die Kreuzritter in einen für sie tödlichen Kessel: Der polnische König versteht sich auf moderne und flexible Kriegsführung.

Genaue Zahlen bezüglich der Armeestärken sind nicht bekannt, aber man vermutet, dass es auf der polnischen Seite 26 000 bis 37 000 Krieger gegeben hat, auf der der Kreuzritter 11 000 bis 27 000. Hochmeister Ulrich von Jungingen selbst und 200 weitere hochrangige Ordensbrüder fielen bei Tannenberg, die geistige Führung des Deutschen Ordens war damit praktisch ausgelöscht.

Auf der Gegenseite markiert Tannenberg den Beginn einer langen und glorreichen Epoche. Die Jagiellonen-Dynastie wird Polen für Jahrhunderte großes politisches und kulturgeschichtliches Ansehen in Europa verschaffen. Es entsteht ein Riesenreich, das sich vom Schwarzen Meer über Smolensk bis an die Ostsee erstreckt.

Kein Wunder, dass die Erinnerung an den Sieg bei Tannenberg zu einer Zeit reaktiviert wird, als von diesem Ruhm nicht mehr viel übrig geblieben ist.

Als im Jahr 1900 der Roman „Die Kreuzritter“ von Henryk Sienkiewicz erscheint, ist Polen auf der geopolitischen Karte Europas überhaupt nicht mehr vorhanden – die Polen leben unter der Besatzung Russlands, Deutschlands und Österreich-Ungarns; erst 1918 wird wieder ein unabhängiger polnischer Staat entstehen. Sienkiewiczs historisches Epos soll in dieser Situation das polnische Nationalbewusstsein stärken und dem Geist der Nation neues Leben einhauchen. Nichts anderes hatte der Maler Jan Matejko im Sinn, als er 1878 in seiner Heimatstadt Krakau das Gemälde „Die Schlacht bei Tannenberg“ schuf. Dass im 20. Jahrhundert Schriftsteller wie Gombrowicz, Milosz und Mrozek all die national-sakralen Artefakte demontieren und infrage stellen würden, konnten Matejko und Sienkiewicz nicht ahnen; sie hatten ganz andere Hausaufgaben zu erfüllen als diese Zweifler.

Polen, lange Zeit von fremden Mächten beherrscht, ist historisch gesehen ein widersprüchliches Land: eines des Widerstands wie des Verrats, eines des Dissidententums und der Emigration ebenso wie der Kollaboration. Am intensivsten ist dieses heikle Thema in Adam Mickiewiczs romantischem Versepos „Konrad Wallenrod“ verarbeitet worden. Konrad opfert sein Leben einer einzigen Idee, nämlich der Freiheit seines Volkes; gleichzeitig begeht er einen Verrat, und zwar als Ritter des Deutschen Ordens.

Doch zurück zu dem Roman „Die Kreuzritter“. Die suggestive Kraft von Henryk Sienkiewicz sowie die Darstellung der Hauptfiguren und ihrer dramatischen Schicksale erzeugen ein Mitgefühl für die eigenen Landsleute, so dass man sich ganz einfach zu ihnen bekennen muss: so zum Beispiel zu Jurand aus Spychow, dessen Frau nach einem Überfall durch die Kreuzritter stirbt; er rächt sich und tötet viele Ordensbrüder – daraufhin wird er von den Deutschen gefangen genommen und bestialisch gefoltert. Man findet ihn orientierungslos in einem Wald. Nun kann das Gift der Rache an jüngere Generationen weitergegeben werden. Doch Jurand vergibt seinem Peiniger und schenkt ihm das Leben. Am Ende werden Liebespaare miteinander glücklich, und die Schlacht bei Tannenberg wird zum Höhepunkt des Romans.

Der Mythos des edlen und guten Polen und des bösen Deutschen frisst sich damit ins polnische Nationalbewusstsein: Sienkiewicz hat eine tragende Rolle bei der Verfestigung des klassischen Feindbildes vom blutrünstigen Preußen gespielt. Andererseits hat er sich intensiv für den Erhalt des Polentums und für die Freiheit des polnischen Volkes eingesetzt. Und dieser kollektive Kampf dauerte an seit 1772, der ersten Teilung Polens, der zwei weitere folgten, bis das Land gänzlich verschwunden war.

Die Vorstellung vom aggressiven, antipolnischen Deutschen, der sein Glück im Osten Europas sucht, war im kollektiven Gedächtnis der Polen seit Jahrhunderten genauso präsent wie die Angst vor russischer Hegemonie und Eroberungslust. Trotzdem ließ sich Tannenberg auch nach 1945, als die Kommunisten ihre Herrschaft in Warschau mithilfe der Sowjetunion errichteten, wunderbar instrumentalisieren. Denn angeblich galt es auch nun, die Heimat zu verteidigen – dieses Mal gegen den Faschismus und den Kapitalismus. Und das ehemalige Ostpreußen betrachtete man in meiner Volksrepublik als strikt polnischen Boden, als die sogenannten „wiedergewonnenen Gebiete“. Das schwarze Kreuz auf der weißen Tunika, die die Kreuzritter des Deutschen Ordens trugen, erinnerte die Polen nun an das Balkenkreuz, das Hoheitszeichen der Wehrmacht, und damit an das unsägliche Leid während der Nazi-Okkupation.

In den 60er Jahren baute man auf dem ehemaligen Schlachtfeld bei Tannenberg ein imposantes Siegerdenkmal, und das schon zum zweiten Mal, denn das erste an den Sieg über den Deutschen Orden erinnernde und 1910 in Krakau errichtete Denkmal hatten die Nazis 1939 in die Luft gesprengt.

Auch in meiner Schulzeit hatte die berühmte Schlacht nichts von ihrem historisch-politischen Glanz eingebüßt. Ich weiß allerdings nicht mehr, wann ich das erste Mal „Die Kreuzritter“, einen Film von Aleksander Ford aus dem Jahre 1960, sah. Wir Grundschüler gingen in ganz Polen regelmäßig ins Kino, wo man uns große Nationalepen zeigte, unter anderem eben auch „Die Kreuzritter“. Henryk Sienkiewiczs Roman, der die Grundlage für Fords Film bildete, war Pflichtlektüre im Unterricht. Der bombastische und pathetische Film entfachte patriotische Gefühle in uns: Ich selbst spürte zumindest tiefe Wut auf die Brüder des Deutschen Ordens. Sie folterten Polen, schnitten uns die Zungen heraus, damit wir auf immer und ewig stumm bleiben und niemandem mehr Geheimnisse preisgeben würden, und sie stachen uns die Augen aus.

Warum ich solche Hassgefühle gegen die Brüder des Deutschen Ordens und damit auch gegen die Deutschen im Allgemeinen nach dem Besuch im Kino Muza in Bartoszyce hegte, lässt sich relativ leicht erklären. Fords Film folgt der Schwarz-Weiß-Malerei der Buchvorlage, er erzählt, wie ein klassischer Western, vom Kampf des Guten gegen das Böse.

Als ich nach mehr als 25 Jahren das Schlachtfeld bei Tannenberg besuchte, ging ich wieder ins dortige Kino, das zum Museum gehört und in dem der Höhepunkt aus dem Film von Aleksander Ford gezeigt wird. Ich staunte über die Architektur des Kinos, ich würde vom „sowjetischen Bauhaus“ sprechen, ich staunte über den pathetischen Stil, den Ford in seinem Film pflegt, und ich sank im Kinosessel immer tiefer und tiefer, als die Elite der polnischen Ritterschaft anfing, „Bogurodzica“ („Die Gottesgebärerin“), die poetische Nationalhymne des polnischen Mittelalters, zu singen. Meine kindliche Begeisterung für diesen Film konnte ich plötzlich nicht mehr nachvollziehen, auch wenn ich mich nicht unbedingt dafür schämte.

Wer sich nun das Schlachtfeld bei Tannenberg ansehen will, sollte am besten Mitte Juli nach Masuren reisen, denn dann findet dort – meist um den 15. Juli herum – eine gigantomanische Vorführung der berühmten Schlacht statt. Die Organisatoren sind um eine möglichst detailgetreue Nachbildung der Kämpfe bemüht, und es ist selbstverständlich, dass man auch die Komparsen in für jene Epoche typische Kleider und Ritterrüstungen steckt – selbst ausländische Fans kann man bei Tannenberg antreffen und über die Begeisterung dieser selbst ernannten Mediävisten und Ritter gehörig staunen. Pfadfinder reisen in dieser Sommer- und Festzeit nach Tannenberg und marschieren mit ihren Standarten und Fahnen auf. Und während man sich diese harmlosen und buntscheckigen Spiele von einer Tribüne aus anschaut, denkt man daran, was sich hier tatsächlich am 15. Juli 1410 abgespielt haben mag.

Und nun wird in diesem Jahr in Polen ein 600-jähriges Jubiläum des Sieges bei Tannenberg gefeiert – der beim Flugzeugabsturz in der Nähe von Smolensk umgekommene Präsident Lech Kaczynski hatte bereits im Januar 2010 einen festlichen Auftritt auf den Feldern Tannenbergs angekündigt. Dazu wird es nicht mehr kommen.

Und meine polnischen Freunde und Verwandten, was werden sie am 15. Juli 2010 tun? Sie haben zurzeit ganz andere Sorgen, und der Mythos der Schlacht bei Tannenberg ist für sie, wie für viele andere kosmopolitische Polen, nicht länger haltbar. Manche Stereotypen funktionieren einfach nicht mehr: War bisher in einem polnischen Haushalt eine Art Altar aufgebaut – da stehen zum Beispiel eine Flasche Wodka neben dem Bild der Schwarzen Madonna aus Tschenstochau, der polnische Adler mit der Krone, und da liegen auch die zwei Schwerter, die Hochmeister Ulrich von Jungingen seinem Widersacher König Jagiello kurz vor der Schlacht angeblich geschickt hatte –, ist die polnische Gesellschaft der Gegenwart vielfältig, und viele meiner Landsleute zeichnet eine gesunde, tief in der europäischen Kulturgeschichte verwurzelte Skepsis aus.

Der Autor, 1968 in Masuren geboren, lebt heute als Schriftsteller und Übersetzer im niedersächsischen Verden. 2009 wurde er mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet. Im August erscheint bei Weissbooks.w in Frankfurt/Main sein neuer Roman „Der Lippenstift meiner Mutter“.

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