Welt : Die Geschichte vom „alten Sack“

Der Sprecher des Erzbistums München findet wenig freundliche Worte für den Weihnachtsmann

Elisabeth Binder

Morgen ist sein Feiertag. Und diesmal könnte es für den Heiligen Nikolaus ein ganz besonderes Fest werden: der Auftakt zum Comeback.

Generationen von Kindern haben, wenigstens mal kurze Zeit, an den Weihnachtsmann geglaubt. Dabei ist der Gabenbringer im weiß abgesetzten roten Kapuzenmantel mit weißem Rauschebart gerade erst 75 Jahre alt und außerdem eine Erfindung von Coca-Cola. Deshalb trägt er ja auch die Farben Rot-Weiß, also die der Etiketten, die auf den klassischen Limo-Flaschen kleben. Dieser auch Santa Claus genannte Weihnachtsmann wurde erstmals 1931 von Haddon Sundblom gezeichnet, um die eiskalte braune Brause auch als Wintergetränk zu etablieren. In den 30er Jahren wurde der Santa mit den roten Pausbacken zur beliebten Attraktion im Kaufhaus Macy’s in Manhattan. Von da aus startete er seine Karriere rund um die Welt und verdrängte zeitweise Nikolaus und Christkind als religiös geprägte Gabenbringersymbole.

Das soll sich wieder ändern. Der Sprecher des Erzbischöflichen Ordinariats München zeichnete der Nachrichtenagentur ddp gegenüber den Weihnachtsmann jetzt im Vergleich zum Heiligen Nikolaus als „einen hässlichen alten Sack“. Ein weniger mobbendes, aber kaum weniger deutliches Statement gab’s ebenfalls aus München von Friedrich Kardinal Wetter gegenüber dpa, wonach der Heilige Nikolaus, als Bischof von Myra, sich vor fast 1700 Jahren besonders um arme und bedrängte Menschen verdient gemacht hat, für Menschenrechte eingetreten ist und so zum Patron der Gefangenen, Jugendlichen, Familien und der Sozialarbeit wurde: Als Vorbild also kaum zu toppen.

Der Legende nach hat Nikolaus heimlich den Töchtern eines armen Mannes goldene Kugeln in ihre Kammern gelegt, damit sie eine ordentliche Mitgift hatten und nicht zur Prostitution gezwungen wurden. Auch das ist einer der Gründe, warum Kinder noch heute in der Nacht zum 6. Dezember Strümpfe heraushängen und Schuhe aufstellen als Ablageort für erwünschte Gaben.

Das Christkind kann ein katholischer Kardinal schlecht propagieren, denn das ist in seiner Funktion als Gabenbringer wiederum eine Erfindung Martin Luthers, der gegen die Heiligenverehrung kämpfte und deshalb ein geheimnisvolles Elfenwesen als Nikolaus-Alternative etablierte. Dem ist eine globale Karriere allerdings versagt geblieben, obwohl es zumindest in Deutschland lange nach der Reformation gewissermaßen konvertiert ist und seit Anfang des 20sten Jahrhunderts, wenn überhaupt, überwiegend in katholischen Haushalten aktiv ist. Auch das „Väterchen Frost“ des sowohl dem Religiösen wie dem Marketing abholden Ostblocks konnte sich nicht durchsetzen. Und alle feministischen Versuche, eine Weihnachtsfrau zu etablieren sind unter anderem daran gescheitert, dass dafür nie so eine hochprofessionelle Marketing-Abteilung zur Verfügung stand, wie sie amerikanische Limonadenunternehmen haben. Frauen gehen im Weihnachtsgeschäft in der Regel als Engel, obwohl die biblischen Engel eigentlich auch männlich sind.

Der Nikolaus hingegen bekommt schon weitere Unterstützung, ebenfalls aus Bayern, wo ein Süßwarenunternehmer neben Weihnachtsmännern auch Bischofsfiguren aus Schokolade anbietet, wenngleich noch mit weißem Kreuz auf roter Mitra (www.fesey.de).

Auch der Nikolaus hat eine dunkle Seite und das ist – von draußen vom Walde kommt er her – eine eigene Figur namens Knecht Ruprecht. Theodor Storm hat ihm in dem gleichnamigen Gedicht ein Denkmal gesetzt. Aus der gereimten Konversation zwischen dem Gehilfen vom Nikolaus und dem Christkind sind lauter geflügelte Endwahrheiten über bürgerliche Weihnachtsgebräuche entsprungen, und dieses Gedicht hat sicher auch zur Etablierung des Christkinds beigetragen, das im Grunde aus der überkonfessionellen Vorstellung des Kindes als Geschenk Gottes an die Menschen entstanden ist.

Knecht Ruprecht erscheint traditionell mit Sack und Rute, hat allerdings deutlich an Autorität eingebüßt, seit es als pädagogisch unkorrekt gilt, böse Kinder zu hauen oder auch nur als solche zu bezeichnen. Storms Gedichtschluss „Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find!/ sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?“ hat deshalb als vorweihnachtlicher Quotenbringer deutlich an Schlagkraft verloren.

Auch der US-Santa kommt in Begleitung, aber die verhält sich von vornherein korrekt, weil nützlich, weshalb sie immer populärer wird. Rudolph the Rednosed Reindeer ist eines der Rentiere, die Santas Schlitten von seinem festen Wohnsitz am Nordpol aus durch die Lüfte ziehen. Rudolphs Nase ist so rot wie Santas Pausbacken. Mögen böse Kinder auch ausgestorben sein, böse Geschenke gibt es noch. Darauf setzt inzwischen Coca- Cola bei dem nach wie vor aktuellen Versuch, die Absatzzahlen der Limo zur durstärmeren Weihnachtszeit hochzuhalten. Die Santa-Figur darf zwar auf den firmeneigenen Weihnachtstrucks noch mittingeln, doch die eigentliche Attraktion, die dort am Rande von Xmas-Events im ganzen Land geboten wird, ist eine andere: Jeder kann im Karaoke-Verfahren selbst gesungenes weihnachtliches Liedgut auf CD brennen lassen, zwecks Bescherung der Lieben. Da kann man nur hoffen, dass Santa, wenn er nach amerikanischer Sitte durch den Kamin gepoltert kommt, auch ein Fläschchen Rum dabei hat, um die soften Drinks betäubungstauglich zu machen.

Der im eigenen Haus zur Nebenrolle verurteilte rot-weiße Santa muss sich derweil nicht nur gegen die Angriffe katholischer Kardinäle wappnen. Viel gefährlicher wird ihm die neue Lust an der Weihnachtsmode. In der Residenz des amerikanischen Botschafters etwa gibt es eine ganze Kollektion von Santas, die alle etwas anderes anhaben, und manche sind sogar glatt rasiert. Im KaDeWe ist der Weihnachtsmann jedes Jahr anders gekleidet, meist farblich passend zur aktuellen Weihnachtsschmuck-Kollektion.

Auch seine Herkunft nagt an Santas Wirkungskraft. „Tu Gutes – und rede drüber“ ist, wie die Erfindung des Weihnachtsmannes für Marketingzwecke, ein Motto aus den Kindertagen der Public Relations.

Mit der neuen Sehnsucht nach Authentizität setzt sich nun das Motto des ursprünglichen Nikolauses wieder durch: „Tu Gutes, und tue es heimlich.“ Der Verzicht auf Profit für gute Taten bedeutet, dass man Gutes um seiner selbst willen tut, ist also letztlich ein kultureller Fortschritt. Den Bischof Nikolaus hat das zu einer Legende gemacht, die sein pittoresker Epigone, der Weihnachtsmann, nie wirklich auslöschen konnte.

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