Welt : Die gläserne Prinzessin

In Norwegen wurde Mette-Marit jahrelang von der Klatschpresse ausspioniert

André Anwar[Stockholm]

Der norwegische Hof ist entsetzt über die Dreistigkeit der landeseigenen Presse. Das auflagenstarke Klatschblatt „Se & Hör” hat Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen jahrelang mit skandalösen Mitteln ausspioniert. Bankangestellte sollen der Zeitschrift detailliert über die Einkäufe der 33-Jährigen informiert haben. Dies berichten sowohl die norwegische Wirtschaftszeitschrift „Dagens Naeringsliv“ als auch der ehemalige Reporter des Klatschblatts, Håvard Melnäs, in seinem gerade erschienenen Buch „Ein ganz normaler Tag bei der Arbeit“.

Håvard Melnäs soll von seinem Chef nach London geschickt worden sein, um dort Spionagekamera- und Abhörausrüstung für rund 9000 Euro einzukaufen. Das Ziel: so nah wie möglich an Mette-Marit dranbleiben. Das 2002 erworbene Equipment ähnelte dem eines James-Bond-Films: eine Münze mit Mikrofon und ein Kugelschreiber mit eingebauter Kamera. All das, um Mette-Marits „heimliches Leben” aufzudecken. „Wenn es um die Kronprinzessin ging, gab es einfach keine Grenzen“, sagt Melnäs. Mette- Marit gilt als populärstes Opfer der norwegischen Klatschpresse. Ihr alkoholkranker Vater, zu dem sie zeitweilig den Kontakt abgebrochen hatte, soll fünf Jahre lang Vollzeitangestellter der Zeitschrift gewesen sein, um detailliert und regelmäßig über seine Tochter zu informieren.

Außerdem soll das Blatt Polizisten bestochen haben, um das Strafregister der Kronprinzessin zu offenbaren. Angestellte der Bank „Nordea“ wurden dafür bezahlt, Mette-Marits Kontoauszüge weiterzugeben. Dadurch konnte „Se & Hör“ enthüllen, dass die Kronprinzessin rund 30 000 Euro beim Shopping in New York ausgegeben hatte. Auch Angestellte der Fluggesellschaft SAS sollen dafür bezahlt worden sein, die Zeitschrift über Reiseziele der Prinzessin zu informieren. Die Polizei, die Finanzbehörde, die Nordea- Bank und die Fluggesellschaft haben nun interne Untersuchungen eingeleitet, um die Vorwürfe zu überprüfen.

Einige kritisieren den Journalisten aber auch für seine Scheinheiligkeit. Zwar deckte er nun die Machenschaften auf, doch habe er zahlreiche reißerische Geschichten über die Königsfamilie selbst geschrieben – und Mette-Marits Vater für die Zeitschrift angeworben.

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