Welt : "Die Gouvernante": Die Zukunft aufhalten mit Blumen und geputztem Silber

Tina Heidborn

Fräulein Esther wird krank. In ihrem Zimmer in der Ulica Nowogrodzka liegt sie auf Leinenlaken und wälzt sich im Wahn. Die besten Ärzte Warschaus mit der modernsten Medizin können ihr nicht helfen, und auch nicht der exzentrische Wunderheiler Wasiljew, der mit seinem gemurmelten Kirchenslawisch doch angeblich den Zarewitsch in Petersburg geheilt hat. Fräulein Esther ist die neue Gouvernante im Hause Celinski. Sie ist aus dem deutschen Danzig gekommen, und die beiden Söhne des Hauses, der Gymnasiast Andrzej und der Student Aleksander, haben sich schüchtern in sie verliebt. Doch es ist keine individuelle Geschichte, die der Pole Stefan Chwin in "Die Gouvernante" erzählt. Das elegante Fräulein Esther Simmel, der bäuerliche Wunderheiler Wasiljew und der junge Ich-Erzähler Aleksander: Sie alle gehören zum Epochenbild einer großbürgerlichen Oberschicht in Mitteleuropa zu Anfang des letzten Jahrhunderts.

Verloren gegangene Lebenswelten hat Chwin schon in seinem ersten, vielfach ausgezeichneten Roman "Tod in Danzig" heraufbeschworen. War es darin Danzig als deutsche Stadt, so ist es in dem neuen Buch diffuser, das langsame Verrutschen einer festgefügten Welt, deren Untergangschaos sich hier und dort schon ankündigt. Es sind die geheimnisvollen Briefe, die Fräulein Esther aus Zürich erhält, die Aleksander beunruhigen und die er während ihrer Krankheit abfängt: Korrespondenz aus dem Umkreis Nietzsches. Aleksander, der in Heidelberg Ingenieurswissenschaften studiert, eröffnen sie eine fremde Welt. Mit dem väterlichen Freund der Familie, dem geheimnisvollen Geheimrat Mehlers, unterhält er sich über das Zerfließen der Grenze zwischen Leben und Tod, über die Vervollkommnung des Lebens durch den Tod. Dann kehrt Aleksander heim in sein kultiviertes Elternhaus, das die Ordnung der Tradition zelebriert, als könnte man mit blank geputztem Silber und Blumenschmuck die Zeitläufte aufhalten.

Weit spannt Chwin den Bogen seines Romans, der das Leben der Familie Celinski nur in Episoden erhellt. Die Hysterie einer Marienerscheinung, Ausschreitungen gegen Zigeuner am Stadtrand oder die Geschichte einer versuchten Erpressung sind solche Handlungsstränge, die das Geschehen vorantreiben. Zu einem großen Bogen fügt sich der Roman durch Chwins Erzählen. Die ihm so teuren Kleinigkeiten der Celinskischen Wohnungseinrichtung, der Einfall des Lichtes im Sommer, das Band im Haar von Fräulein Esther - alles, was der Ich-Erzähler Aleksander im Rückblick schildert, taucht er ins goldene Licht der Erinnerung. So suggestiv, so elegant bei aller Detailversessenheit, dass im Kopf des Lesers tatsächlich ein Bild entsteht - wenn man sich zum Lesen all der Miniaturen genügend Zeit nimmt.

"Die Gouvernante" weitet den Blick bis tief in den Osten. Zum geschäftlichen Radius von Aleksanders Vater gehören Handelsstädte wie Odessa und Metropolen wie Sankt Petersburg mit derselben Selbstverständlichkeit wie die Orientierung an Wien und deutschen Universitätsstädten. Nietzsche ist genauso wichtig wie Lermontov, Dostoevskij und russische Sekten. Dieses Europa war eine kleine kosmopolitische Geistesgemeinschaft. Die Grenzen, die es durchzogen, waren eher sozial als national. Chwin zeigt diese Zeit aus der Innenperspektive der Oberschicht. Gediegen war diese Welt - wenn man denn an ihr Teil hatte.

"Das weitere Schicksal der Menschen und Dinge", das letzte Kapitel, das eine winzige Rahmenhandlung mit der polnischen Gegenwart verbindet, wirkt seltsam angehängt und gehört doch dazu. Fräulein Esther ist gesundet und abgereist. Es folgen Weltkrieg Nummer Eins, die russische Oktoberrevoluton, Zwischenkriegszeit und Nazi-Terror - wenige Seiten voller Wirrnis und Grauen.

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