Welt : Die Grippe der Seehunde

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Kopenhagen. Fast vier Wochen nach den ersten Funden verendeter Seehunde an dänischen Stränden sind die Experten in Skandinavien über die Aussichten höchst unsicher und alles andere als einig. Kurz vor Beginn der Sommerferien meinte Henrik Lykke Sørensen vom Naturschutzamt in Oksbøl, wo die Virusopfer unter den Meeressäugern registriert werden: „Wir befürchten das Schlimmste." Damit meint er eine Wiederholung des massiven Seehundsterbens vom Sommer 1988, als die Hälfte des gesamten Bestandes von der Nord- bis zur Ostsee als Folge eines Staupevirus verendete. Gerade diese Epidemie aber veranlasst den bekanntesten Seehund-Forscher Schwedens, Tero Härkönen, zu verhaltenem Optimismus: „Vieles spricht dafür, dass das Sterben diesmal nicht so umfassend ausfällt." 350 tote Tiere rund um die dänische und schwedische Kattegatküste zwischen Nord- und Ostsee wurden bisher registriert. Der Meeresbiologe Svend Tougaard vom Fischereimuseum in Esbjerg verweist auf eine der wenigen klaren Fakten: „Es geht viel langsamer als 1988." Die Epidemie sei bisher ausschließlich im Kattegat aufgetreten und habe sich nicht – wie vor 14 Jahren - längst in westliche Richtung längs der dänischen, deutschen und niederländischen Nordseeküste ausgebreitet. Härkönen meint, dass dahinter möglicherweise eine wesentlich größere Widerstandskraft der betroffenen Seehundart stehen könnte. Das Virus PDV (phocine distemper virus) ist dasselbe wie 1988 und als solches zweifelsfrei identifiziert. Längs der schwedischen Kattegatküste seien alle untersuchten Tiere infiziert, und dennoch halte sich das Massensterben in äußerst engen Grenzen. Doch auch Härkönen warnt vor voreiligem Optimismus: „Vielleicht hat das Virus die Taktik gewechselt und breitet sich einfach langsamer aus." Auch die dänischen Experten verweisen darauf, dass es sich mit den Staupeviren für die Meeressäuger genauso verhält wie mit Grippeviren für Menschen. Tougaard meint: „Da steckt ja viel Mystisches drin. Auch Grippeviren mutieren ständig und entwickeln sich in nicht vorhersehbarer Weise." Einig sind sich alle, dass man erst in einigen Wochen wohl endgültig Klarheit haben werde.

WIn Dänemark gibt es als Konsequenz der Epidemie von 1988 einen „Bereitschaftsplan", der allerdings wenig mehr beinhaltet als ein System zur Einsammlung und Erfassung verendet angespülter Seehunde. Aktive Gegenwehr etwa durch Impfungen oder Pflege kranker Tiere gilt als unmöglich. Nach Meinung von Svend Tougaard sind die Skandinavier dennoch besser gerüstet als die zuständigen Behörden in Deutschland und den Niederlanden. 1988 wurde die tödliche Massenepidemie auch in Skandinavien als nicht mehr zu übersehendes Alarmsignal registriert.dpa

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