• Die größte Versuchung, seit Griechen, Römer und Türken Istanbul zur Schatztruhe machten

Welt : Die größte Versuchung, seit Griechen, Römer und Türken Istanbul zur Schatztruhe machten

Thomas Seibert

Im Labyrinth der Gassen um den altehrwürdigen Großen Bazar in der Innenstadt von Istanbul lagerte ein Vermögen. Mutmaßliche Schmuggler hatten in vier verschiedenen Geschäften Wertvolles aus der Antike zusammengetragen, um es ins Ausland zu schaffen, doch türkische Zollfahnder bekamen Wind von den Plänen und schlugen zu. Bei der Durchsuchung der Läden fanden die Beamten mehrere hundert antike Stücke, darunter eine seltene byzantinische Goldmünze.

Die "Operation Gold von Byzanz", wie die Aktion der Fahnder in den türkischen Zeitungen bereits genannt wird, ist ein Beispiel für den Kampf der Türken gegen den illegalen Ausverkauf ihres reichen Erbes aus dem Altertum. Besonders deutlich wird das in Istanbul, jener Stadt, die um das Jahr 660 vor Christus von den Griechen als Byzantion gegründet und die als Konstantinopel zur Hauptstadt des oströmischen Reiches und später zum Zentrum des Osmanischen Reiches wurde. Griechen, Römer und ihre türkischen Nachfolger haben in der Stadt ihre Monumente und Kleinode hinterlassen. Immer wieder tauchen Schätze aus der Vergangenheit auf, sei es bei offiziellen Grabungen - oder eben bei einschlägigen Verbrechern, wie bei den jüngsten Durchsuchungen am Großen Bazar.

Die Razzien im Bazar-Viertel förderten so viele wertvolle Gegenstände zutage, dass die Polizei bei der öffentlichen Präsentation des Schmuggelgutes ein ganzes Regal damit füllen konnte: 480 Gold- und Silbermünzen, 91 Schmuckstücke aus Edelmetall sowie 35 Beile, Speer- und Pfeilspitzen aus Bronze waren unter den Fundstücken. Alles stammte aus römischer, byzantinischer oder osmanischer Zeit. Die gesicherten Stücke wurden umgehend ins Archäologische Museum von Istanbul gebracht, wo sie von Fachleuten nun genauer unter die Lupe genommen werden sollen.

Nicht nur in Istanbul stoßen die Behörden immer wieder auf wertvolles Schmuggelgut aus der Antike. Kürzlich nahm die Polizei in einem Dorf in der Nähe der Stadt Edirne an der Grenze zu Griechenland den 56-jährigen Murat Gülhan fest, der 82 kostbare Stücke aus dem Altertum mit sich herumtrug - auf der Suche nach Interessenten, wie er im Verhör zugab. Gülhan führte die Polizei schließlich zu seinem Komplizen Remzi Subasi, der in der Nähe einen Schneiderladen betrieb. Dort stellten die Beamten fest, dass die beiden in dem unauffälligen Geschäft ein umfangreiches Warenlager angelegt hatten: Fast 250 antike Münzen, Messer, Löffel, Armreifen und Ringe warteten auf Käufer.

In einem Land wie der Türkei, in dem überall Zeugnisse aus dem Altertum zu finden sind, ist auch für unbescholtene Bürger die Versuchung groß, wertvolle Entdeckungen nicht den Behörden zu melden, sondern selbst in die Tasche zu stecken. Das erlebten Passanten im westtürkischen Aydin erst vor einigen Tagen. Sie rieben sich verwundert die Augen, als ihnen von der Schaufel eines Baggers, der für Kanalisationsarbeiten eine Straße aufgerissen hatte, lauter Goldmünzen vor die Füße rollten. Alles lief zusammen, um sich ein Stück zu sichern - doch schließlich rückte die Polizei an, riegelte die Baustelle ab und unterzog alle Anwesenden einer strengen Leibesvisitation, um den Schatz wieder einzusammeln.

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