Welt : Die große Stille

New York, die Stadt, die niemals schläft, hielt um 8 Uhr 46 inne. Am Ground Zero versammelten sich die Angehörigen der Opfer

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Von Anna Schwan, New York

Der Himmel ist strahlend blau an diesem 11. September 2002. Genauso blau wie vor einem Jahr, als der warme Spätsommermorgen zerschnitten wurde von Feuer und Qualm, von Staub und den Verzweiflungsschreien aus dem World Trade Center im Süden Manhattans.

Seitdem hat das Blau des Himmels seine Unschuld verloren, an jedem schönen Tag hält es die Erinnerung wach an jenen Morgen, der sich in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingegraben hat. Bis heute zuckt jeder New Yorker bei lautem Grollen zusammen und vergewissert sich bei jedem Flugzeug, dass es bestimmt hoch genug über den Häusern fliegt.

Ein Jahr danach erinnert sich die Welt mit zahlreichen Gedenkfeiern an das schreckliche Attentat. Doch nirgends ist die Erinnerung so wach wie in New York. Eine zwölfseitige Sonderausgabe der „New York Times“ hatte am Wochende noch einmal deutlich gemacht, dass an allen Orten der Stadt jenes Tages gedacht werden würde. Am Mittwochmorgen um 8.46 Uhr Ortszeit, zu dem Zeitpunkt, als das erste Flugzeug in den zweiten Turm flog, beginnt die zentrale Gedenkfeier am Ground Zero. Boden und Absperrzäune sind übersät mit den niedergelegten Blumen von tausenden New Yorkern, die sich bereits am frühen Morgen aus allen Stadtteilen aufgemacht hatten, um in langen Prozessionen nach Süd-Manhattan zu gelangen, angeführt von Trommlern und traditionellen Dudelsackbläsern. Eine lange Minute lang herrscht absolute Stille. Gefasst stehen die Menschen am großen Loch, aus dem vor einem Jahr noch die zwei Türme geragt hatten. In ihren Augen ist die Verzweiflung erkennbar, die mit der Erinnerung kommt.

Bürgermeister Michael Bloomberg und George Pataki, Gouverneur des Staates New York, sprechen die ersten Worte. Patriotische Worte. Pataki zitiert aus der Gettysburg-Rede, mit der Präsident Lincoln 1863 die Gefallenen des Bürgerkriegs ehrte. „Wir werden niemals vergessen, was die Terroristen uns angetan haben“, erklärt er, „und wir werden dafür sorgen, dass unsere Toten nicht umsonst gestorben sind“. Dann übernimmt Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani. Beifall braust auf, als er das Podium betritt, wie bei allen Auftritten im letzten Jahr, als er zu einem der „Heroes of 9-11“ geworden war. Es bereitet ihm sichtlich Mühe, seine Gefühle zurückzuhalten. Er schluckt einmal, zweimal, beißt sich auf die Lippe und streicht die akkurat gekämmten Haare zurück. Dann beginnt er die n der Opfer vorzulesen. Unterstützt wird er dabei von Bloomberg sowie von Angehörigen der Opfer. Cellomusik untermalt die Lesung: 2801 Namen und ebenso viele Schicksale. Für die zehn Deutschen, die im Flammeninferno vor einem Jahr umkamen, ergreift die Hamburgerin Sybille Dircks das Wort. Ihr Bruder Christian Wemmers war unter den acht Männern und zwei Frauen aus Deutschland, die unter den 411 Meter hohen Türmen begraben wurden. Wimmer war nur zufällig im Turm, er wollte Produkte seiner Firma in Kalifornien vorstellen.

Die Stille breitet sich von Ground Zero über ganz New York und die USA aus. In Washington versammeln sich zur selben Zeit Präsident Bush und hunderte Mitarbeiter zu der Schweigeminute am Weißen Haus. Danach fährt Bush zum Pentagon weiter. Um 9.37 Uhr, in der Minute, als die Attentäter eine weitere Passagiermaschine in den fünfeckigen Bau lenkten und 184 Menschen mit in den Tod rissen, legen dort tausende Menschen eine Schweigeminute ein. Um 10.29 Uhr schließlich, dem Zeitpunkt des Einsturzes des zweiten Turms, läuten alle Glocken der Stadt.

Für die meisten New Yorker bilden die Veranstaltungen den Abschluss eines Jahres voller Veränderungen. New York hält sich nicht mehr für unverwundbar, die sozialen Brennpunkte haben sich durch die wirtschaftliche Rezession verstärkt. Seit 1978 gab es nicht mehr so viele Arbeitslose. 20 Prozent der Bevölkerung sind nach Auskunft privater Hilfsorganisationen auf Lebensmittelunterstützung angewiesen. Aber die Stadt ist auch enger zusammengerückt. „Ich habe so viel Unterstützung und Sympathie erfahren, auch von Menschen, die ich überhaupt nicht kenne“, gibt die Polizistin Ann Marie Molony an, die Freunde in den Zwillingstürmen verloren hat.

Sie spricht damit stellvertretend für viele. Der 11. September hat ein ungeheures Zusammengehörigkeitsgefühl unter den New Yorkern ausgelöst, egal ob Alteingesessener oder Immigrant.

Alle eint die Hoffnung, dass diese Solidarität nicht in den allgemeinen Patriotismussalven des Landes untergeht und New York auch im Fahnenmeer eine internationale, keine ausschließlich amerikanische Stadt bleibt. Die Hoffnung, dass die Sorge des indischen Taxifahrers unberechtigt bleibt, der sagt: „Ich habe Angst vor dem Jahrestag. Denn die Leute wissen nicht, ob ich Inder oder Araber bin. Aber ich bin kein Terrorist, noch nicht mal Moslem. Hoffentlich passiert mir nichts.“

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