Welt : "Die Hälfte des Mondes": Kennst du das Land, wo die Fremdheiten blühen?

Imke Maier

Woher soll Julia wissen, dass das Geschenk ihres Freundes Alessio so bedeutungsschwer ist? Sie freut sich über die Kette mit der Hälfte des Mondes - die andere Hälfte hängt am Hals Alessios - ohne auf den Gedanken zu kommen, dass diese Geste in der italienischen Kultur einer Verlobung gleichkommt. "Die Hälfte des Mondes" heißt das neue Jugendbuch von Werner Raith, der als Journalist und Auslandskorrespondent seit Jahren in Italien tätig ist, neuerdings auch für den Tagesspiegel. Seine Jugendbücher spielen alle in Italien, und ihre Stärke liegt vor allem in dem tiefen Einblick, den Raith in die italienische Kultur hat.

Handelten seine vorherigen Geschichten "Verräterkind" und "Verdammter Dieb" von verbrecherischen Untergrundorganisationen und der sizilianischen Mafia, so spielen kriminelle Machenschaften nun nur eine untergeordnete Rolle. Natürlich geht es auch hier um Familienclans und Machtspielchen innerhalb der Stadt, doch vor allem geht es um Julia, die im Alter von elf Jahren von München in eine italienische Kleinstadt zu ihrem Vater ziehen muss. Die Mutter ist bei einem Verkehrsunfall umgekommen, und Julia lässt mit dem Umzug nicht nur ihre deutschen Freunde, sondern vor allem ihre Kultur zurück.

Mit den Regeln und Normen des italienischen Lebens kommt sie auch nach mehreren Jahren nicht zurecht. Warum darf sie nicht bei einer Freundin übernachten, wenn sie Lust hat? Warum muss ihre Freundschaft zu Alessio immer mit Geschäftsbeziehungen zwischen den Eltern verbunden werden? Und warum kann sie nicht frei entscheiden, was sie wirklich tun will? Aus Trotz beginnt Julia, die Konventionen zu brechen, macht damit ihr Leben in Italien aber kaputt.

Mit "Die Hälfte des Mondes" ist es Werner Raith gelungen, eine spannende Handlung mit einer persönlichen Geschichte zu verknüpfen. Julias Konflikte werden anschaulich und nachempfindbar geschildert. Ihr Entwicklungsweg zeichnet den eigentlichen Spannungsbogen des Buches. Julia ist elf Jahre alt, als sie nach Italien ziehen muss, und 17 Jahre, als sie nach Deutschland zurückkehrt. Die sechs vergangenen Jahre haben sie geprägt. Das scheinbare Happy End am Ende ist keine Konstruktion, sondern der konsequente Abschluss einer Entwicklung. Es ist eine Leistung, einen solch langen Zeitraum auf 160 Seiten so überzeugend zusammenzufassen. "Die Hälfte des Mondes" trifft genau die richtige Mischung für ein gelungenes Jugendbuch: Werner Raith kombiniert spannende Handlung und das Leben fremder Kulturen mit einer sehr persönlichen Liebesgeschichte. Nur schade, dass der Buchumschlag überhaupt nicht zu einer Lektüre einlädt.

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