Welt : Die Hoffnung schwindet in Sekundenschnelle

Viele vom Hochwasser betroffene Franzosen versuchen ihre Häuser zu retten – und müssen dann doch flüchten

Sabine Heimgärtner[Nimes]

Szenen im Süden Frankreichs, die an die Hochwasserkatastrophe im Sommer 2002 in weiten Teilen Deutschlands erinnern: Verängstigte Menschen, die mit Kindern an der Hand und dem wichtigsten Hab und Gut in einem Karren ihre Häuser verlassen, die hinter ihnen zusammenstürzen. Menschen, die verzweifelt beobachten, wie der Wasserpegel vor ihren Wohnungen und Eigenheimen stündlich steigt, und beten, dass es endlich aufhört zu regnen. Übermüdete Menschen, die mit der ganzen Familie bereits die dritte Nacht in Schulen und Freizeiteinrichtungen auf Notbetten verbrachten.

Nur vier Monate nach der Hitzetragödie erlebt Frankreich eine zweite Naturkatastrophe: Ein „Jahrhunderthochwasser“ in den südlichen Landesteilen zwischen Lyon, Marseille, Nimes und Montpellier, wie es seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr vorgekommen ist. Die letzte große Flut solchen Ausmaßes wurde 1856 registriert. Vorläufige Bilanz: Sechs Tote, mehr als 10 000 Evakuierte, alleine im Raum der südfranzösischen Stadt Nimes waren am Donnerstag immer noch 250 000 Menschen von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten, in der gesamten Region Süd 300 Straßen gesperrt, 25 000 Haushalte bleiben längerfristig ohne Telefon, 7000 Helfer sind in den rund 20 betroffenen Departements im Dauereinsatz, vier Atomkraftwerke im Katastrophengebiet wurden vorübergehend abgeschaltet.

In dieser Region heißt der unberechenbare Fluss nicht Elbe, sondern Rhone, deren Pegel nach drei Tage langen sintflutartigen Regenfällen alle Rekorde der vergangenen Jahrzehnte übertroffen hat. In der kleinen mittelalterlichen Stadt Beaucaire, Zentrum der bei Touristen beliebten Camargue und Mündungsgebiet der Rhone, füllt sich der Fluss pro Sekunde mit 12 000 Kubikmetern Wasser. Ein Fortkommen ist nur noch per Boot möglich, überhastet verlassen die Bewohner ihre Häuser. Weiter im Süden an der Mittelmeerküste tut der ungewöhnlich starke Wind sein Übriges. Sieben Meter hohe Wellen schlugen am Donnerstagmorgen gegen den Leuchtturm des Küstenortes Cap d’Agde und rollten in Richtung der nahe am Strand gelegenen Feriensiedlungen zurück. Die im Sommer beliebte Promenade entlang zahlreicher Cafés und Restaurants war nach wenigen Stunden nicht mehr zu sehen. In der weiter nördlich gelegenen Rhone-Metropole Lyon hat sich die Lage inzwischen etwas beruhigt. Dort mussten noch am Mittwoch Hunderte die Nacht im Auto verbringen, weil ein Autobahnteilstück gesperrt war. Im Unterschied zur Hochwasserkatastrophe im August 2002 in Deutschland kam die Flut in allen Gebieten auf einen Schlag. Besonders betroffen sind die Departements Gard um die Stadt Nimes, Vaucluse mit der weltweit bekannten Papststadt Avignon, Bouches-du-Rhone, wo die teilweise überschwemmte Millionenstadt Marseille zum Katastrophengebiet erklärt wurde, und Herault mit seiner bekannten Universitätsstadt Montpellier.

Von der Außenwelt abgeschnitten

Innerhalb von 24 Stunden fielen dort so hohe Niederschlagsmengen wie normalerweise in drei Monaten, ein Drittel der Regenmasse eines ganzen Jahres in der französischen Hauptstadt Paris. Montpellier ist von der Außenwelt praktisch abgeschnitten. Nichts geht mehr. Der Flughafen ist ebenso geschlossen wie die Schulen. Berufstätige, die versuchten, ihren Arbeitsplatz mit dem Auto zu erreichen, blieben in den Wassermassen stecken und mussten von Einsatzkräften der Feuerwehr befreit werden.

Ruhig bleibt in solchen Situationen kaum jemand. Völlig entnervt schimpft ein Feuerwehrmann in die Mikrophone der zahlreichen Journalisten, es sei unverständlich, dass trotz ständiger Aufforderungen im Radio, zu Hause zu bleiben, weiterhin zahlreiche Autofahrer versuchten, sich ihren Weg durch meterhoch überspülte Straßen zu bahnen, und damit die Hilfsaktionen behinderten. Die Schauplätze der Hochwasserkatastrophe ähneln sich. Wenige Kilometer von Montpellier entfernt, in der Kleinstadt Mauguio, steht eine Frau bis zu den Hüften im Wasser und weint. „Mein Haus ist seit September 2002 zum dritten Mal überschwemmt, jetzt kann ich nicht mehr. Heute habe ich es nicht mal mehr geschafft, die Elektrogeräte abzuschalten.“

Wie ihr geht es vielen, denn die Bewohner der Region sind seit Jahren an Überschwemmungen der Rhone gewöhnt und hoffen jedes Mal, verschont zu werden. Schlimm war es nach den Erzählungen der Betroffenen bereits im vergangenen Jahr, als im Departement Gard mehr als 20 Menschen ums Leben kamen. Jean-Pierre Pietzrak erinnert sich noch genau: „Wir hatten Glück und ich dachte, wir haben dieses Mal wieder Glück.“ Doch es kam anders. In Sekundenschnelle musste er sein Haus verlassen.

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