• Die Idee einer allgemeinverbindlichen deutschen Rechtschreibung wird mit dieser Änderung de facto abgeschafft

Welt : Die Idee einer allgemeinverbindlichen deutschen Rechtschreibung wird mit dieser Änderung de facto abgeschafft

Harald Martenstein

Känguru.Tunfisch. Teeei. Im Grunde mag man nichts mehr davon hören. Aber nun ist es soweit, ab heute gilt die Rechtschreibreform. Ohne Erich Honecker hätten wir es schon längst hinter uns. In der reformfrohen Ära Brandt sollte es natürlich auch eine Rechtschreibreform geben, 1972. Sie scheiterte am Einspruch der DDR.

Die Reformer wollen die deutsche Rechtschreibung vereinfachen und liberalisieren. Ein vernünftiges Vorhaben. Erreicht haben sie beinahe das Gegenteil: Die Idee einer allgemeinverbindlichen deutschen Rechtschreibung wird mit dieser Reform de facto abgeschafft. Bis 2005 gelten ohnehin beide Rechtschreibungen als korrekt, die alte und die neue. Die Nachrichtenagenturen stellten gestern offiziell auf "neu" um, aber machen in Wirklichkeit nur einen Teil der Neuerungen mit, zum Beispiel verweigern sie sich dem kleingeschriebenen "du". Viele Zeitungen haben sich ebenfalls eigene Regeln gebastelt, Kompromisse aus alt und neu, darunter die "Zeit". Einige der meistgelesenen deutschen Dichter, zum Beispiel Günter Grass, werden ihre Bücher auch weiterhin in der alten Schreibweise veröffentlichen. In Schleswig-Holstein wird nach einem erfolgreichen Bürgerbegehren bis auf weiteres ein anderes Schriftdeutsch an den Schulen unterrichtet als im übrigen Sprachraum. Und nicht einmal die führenden Wörterbücher, Duden und Bertelsmann, sind sich darüber einig, ob es in Zukunft "ernstnehmen" heißt oder "ernst nehmen".

Mit einem Wort: Es herrscht Tohuwabohu. Anything goes, nun auch in der Rechtschreibung.

Dabei leuchten die meisten der neuen Regeln ein. Die Reform ist sinnvoll, vor allem für die Kinder, die sich beim Schreibenlernen nicht mehr mit so vielen unbegründbaren Ausnahmeregeln herumquälen müssen. Aber auch der Unwille über die Reform ist verständlich - jeder Mensch mobilisiert einen natürlichen Widerstand gegen die Zumutung, sich von Gewohnheiten trennen zu sollen, zumal einer so tief verwurzelten Gewohnheit wie der Rechtschreibung. Und es gibt ja auch kein Gesetz, das eine bestimmte Schreibweise unter Strafandrohung anordnet. Rechtschreibung ist Konvention, weiter nichts. Insofern darf tatsächlich jeder schreiben, wie er oder sie will. Und viele werden genau dies in Zukunft auch tun. Im Internet geschieht es ohnehin.

Vor hundert Jahren, bei der letzten Reform, als das "h" in "Thür" gestrichen wurde, war es noch bedeutend leichter, auf obrigkeitlichem Wege neue Verhaltensweisen zu verordnen. Die Reformer haben den permissiven und regulierungsfeindlichen Geist der deutschen Gegenwartsgesellschaft unterschätzt. Die Reformgegner hatten zwar nicht die Kraft, die neue Rechtschreibung zu verhindern - aber auf der anderen Seite dürfte auch den Reformern die Macht fehlen, sich flächendeckend und verbindlich durchzusetzen.

Weil es bei uns keine Institution wie die Académie Française gibt, sind solche regulierenden Eingriffe in die Sprache eine seltene Ausnahme. Normalerweise beobachten die Redaktionen des Duden und der anderen Wörterbücher den praktischen Sprachgebrauch der Deutschen und halten ihn lediglich fest. So wird es auch in Zukunft wieder sein. In etwa zehn Jahren werden wir wissen, was von der neuen Rechtschreibung sich durchgesetzt hat - bestimmt nicht alles. Nur eines wird sich bestimmt durchsetzen: das Gefühl, dass es sehr oft mehrere zulässige Schreibweisen gibt.

Ist das schlimm? Bekanntlich sind sogar die Autoren der deutschen Klassik ohne verbindliche Rechtschreibung ausgekommen. Goethe, Schiller, da ging es manchmal drunter und drüber. Auch die meisten Amerikaner schreiben, wie sie wollen. Es hat erst kürzlich einen amerikanischen Vize-Präsidenten gegeben, der nicht einmal wusste, wie man auf englisch "Kartoffel" buchstabiert.

Immerhin kann ein Land auch ohne verbindliche Rechtschreibung zur Weltmacht Nummer eins aufsteigen. Trösten wir uns damit.

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