Welt : Die im Dunkeln sieht man nicht

Kinderschutzbund kritisiert Statistiken zu Vernachlässigungen. Experten vermuten viele unerkannte Fälle

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Berlin - Immer öfter holen Polizisten Kinder aus völlig verwahrlosten Wohnungen. Allein seit Jahresbeginn sind in Deutschland mindestens sieben Fälle bekannt geworden, bei denen mehr als 20 Jungen und Mädchen in katastrophalen Verhältnissen lebten. „Die ersten drei Wochen 2007 lassen nichts Gutes erahnen“, sagt der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers. Er befürchtet, dass die Zahl der Fälle von Vernachlässigung „drastisch“ steigt und dass dies nicht nur an der „größeren Sensibilität der Nachbarn“ liege: Zwar gebe es noch keine abschließende Statistik für 2006, jedoch sei schon aus der Vielzahl der bekannt gewordenen Einzelschicksale zu schließen, dass mit zunehmender Armut auch immer mehr Kinder verwahrlosen.

Das BKA erfasste 2005 bundesweit 1178 Fälle, in denen Eltern ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzten. 2003 ermittelten die Statistiker 1240 Fälle. Der Kinderschutzbund geht aber von einer hohen Dunkelziffer aus: „Wir kennen immer mehr Fälle als die Polizei“, sagt Hilgers. Andere Statistiken sprächen von rund 2900 Vernachlässigungsfällen für 2005. Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann hält 80 000 Jungen und Mädchen im Alter von bis zu zehn Jahren für bedroht von Vernachlässigung.

Laut Kinderschutzbund haben von 15 Millionen Kindern 2,5 Millionen „kaum Bildungschancen“ und ein hohes Gesundheitsrisiko. Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband warnt davor, dass Familien, die keine Perspektiven mehr sehen, dies oft auf ihre Kinder übertragen – auch wenn der überwiegende Teil der finanziell schlecht gestellten Eltern sehr liebevoll mit den Kindern umgehe.

„Viele Jugendämter sind so schlecht finanziell und personell ausgestattet, dass sie ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen können“, sagt Hilgers. Es reiche nicht aus, alle drei Monate eine Problemfamilie zu besuchen. Normalerweise müsse es für schwere Fälle eine zwei- bis dreijährige Intensivbetreuung mit wöchentlich zwei bis drei Besuchen geben. ddp

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