Die Jagd nach den Marathon-Bombern : Boston: Die Stunde der Helden

Amerika feiert die Erfolge von Boston – trotz der offenkundigen Schwierigkeiten bei der Ergreifung des zweiten Attentäters. Außerdem stellt sich jetzt die Frage, ob seine Rechte beschnitten werden dürfen.

von
Mit Wärmebildkamera aufgenommen. Das Foto zeigt den versteckten Attentäter in dem Boot.
Mit Wärmebildkamera aufgenommen. Das Foto zeigt den versteckten Attentäter in dem Boot.Foto: AFP/Massachusetts State Police Air Wing

Für Amerikas Öffentlichkeit ist der Fall gelöst: Die Sicherheitskräfte haben die Bombenleger von Boston nach wenigen Tagen aufgespürt. Der ältere Bruder, Tamerlan Zarnajew, starb nach einem Feuergefecht mit der Polizei. Der jüngere, Dschochar, liegt schwer verletzt in einem Krankenhaus. Die Bürger sind erleichtert. Nicht mehr aus Sorge, sondern vor allem aus Neugier verfolgen sie die Flut der Bilder und detaillierten Hintergrundberichte zur Tat, der dramatischen Fahndung und den mutmaßlichen Motiven. Fotos wie die Aufnahme einer Wärmebildkamera aus dem Polizeihubschrauber, die das letzte Versteck Dschochars unter der Abdeckplane eines überwinternden Bootes im Garten eines Einfamilienhauses bestätigte, stärken den Glauben an eine technisch hoch gerüstete, sehr professionelle und effektive Staatsmacht, die ihre Bürger schützt.

Erneut zeigt sich der amerikanische Charakterzug, vor allem die positiven Seiten herauszustellen. Die Medien beschreiben nahezu alle Beteiligten als „Helden“: die Menschen, die nach zwei Bombenexplosionen nicht wegliefen, sondern den Verletzten erste Hilfe leisteten; die Polizisten, die die Verdächtigen verfolgten, obwohl die angeblich wild um sich schossen, Sprengsätze aus dem Fluchtauto warfen und möglicherweise Sprengstoffgürtel trugen; und der Hausbesitzer, der nach Aufhebung der Ausgangssperre am Freitag die Blutspur zu dem Boot in seinem Garten fand und „das Richtige tat: 911 (die Notrufnummer) zu wählen, statt auf eigene Faust zu handeln“.

Die Wirklichkeit, das legen die Sachinformationen zwischen den Zeilen nahe, war nicht ganz so fehlerfrei. Nur wenige Medien, zum Beispiel die „New York Times“, merken kritisch an, dass die Entscheidung, die Fahndungsfotos zu veröffentlichen, eine blutige und chaotische Entwicklung auslöste: eine Verfolgungsjagd und Schießereien in Wohnvierteln, die viele Zivilisten gefährdeten. Zweimal entwischten die Gesuchten, was auch auf Pannen der Polizei bei der Absperrung zurückzuführen war. Es war eher dem Glück zu verdanken, dass sich die Spur bald wiederfand. Der Bootsbesitzer verhielt sich womöglich nicht ganz so verantwortungsbewusst. Nach überwiegenden Darstellungen verfolgte er die Blutspur auf eigene Faust, hob die Abdeckplane an und sah eine zusammengekrümmte Person drinnen, ehe er die Polizei rief.

War Dschochar, der den ganzen Tag Blut verloren hatte, kurz vor seiner Festnahme also überhaupt noch der schießwütige, schwer bewaffnete „Terrorist“? Und waren die „Feuerwechsel“ direkt vor seiner Ergreifung, von denen am Samstag die Rede war, womöglich Schüsse in nur einer Richtung, von der Polizei auf ihn? Konnte er sie in seinem Zustand überhaupt erwidern? Vereinzelt heißt es auch, ihm sei schon zuvor die Munition ausgegangen.

Am Sonntag lag Dschochar in einem schwer bewachten Krankenhaus und war nicht vernehmungsfähig. Ob und wann er reden kann, galt als fraglich. Von den Schussverletzungen ist offenbar auch seine Zunge betroffen.

Die Ermittler sind in einer anderen Lage als die Bevölkerung. Für sie hat sich durch die Ergreifung Dschochars wenig geändert. Sie müssen intensiv weiterarbeiten, Spuren sichern und auswerten: einerseits um eine Anklage Dschochars vorzubereiten, die sich auch dann auf genügend Belastungsmaterial stützt, wenn er für längere Zeit nicht aussagen kann – oder das nicht will, um sich nicht selbst zu belasten. Andererseits müssen die Ermittler klären, ob die Brüder Zarnajew Einzeltäter waren oder Komplizen hatten. Sie wollen sicher gehen, dass nicht weitere Attentate drohen. Kurzzeitig wendete sich die Aufmerksamkeit am Sonntag der Festnahme eines Terrorverdächtigen in Chicago zu. Der wollte sich jedoch den Aufständischen in Syrien anschließen. Es gab keinen erkennbaren Zusammenhang mit Boston.

6 Kommentare

Neuester Kommentar